Freiheit im Blauen Reiter
November 7th, 2006Der Blaue Reiter, eine Zeitschrift für Philosophie aus Stuttgart, hat ein Heft zum Thema Freiheit herausgebracht. Darin gibt's einen Artikel von mir über "Freiheit der Information". Wer mein Buch gelesen hat, dem wird dieser Artikel wenig neues sagen, aber die übrigen Beiträge des Heftes sind sehr lesenswert. Überhaupt kann ich die Zeitschrift nur empfehlen, da steckt ein sehr gutes Konzept dahinter.
Eine Online-Ausgabe gibt's leider nicht, aber das Heft ist so solide und ansprechend gestaltet, dass sich die Anschaffung auch haptisch lohnt.
Hacker und Geheimdienste: Ein ungleicher Wettlauf?
Oktober 24th, 2006Ein Leser stellte mir vor kurzem die interessante Frage, ob es im Buch nicht einen inneren Widerspruch gibt: Einerseits sage ich, dass kryptographische Verfahren heute so mächtig sind, dass nicht einmal die Geheimdienste sie überwinden können (Seite 77f.). Wenn es aber um die Kopierschutz-Verfahren der Medienindustrie geht (die oft auf Kryptographie beruhen), dann dauert es in der Regel keine paar Tage, bis irgendein Hacker irgendwo auf der Welt das Verfahren ausgehebelt hat und die geschützten Inhalte sofort weltweit verfügbar werden. Auch das steht so im Buch (z.B. Seite 100f.).
Können die Hacker und Cracker also etwas, was die Geheimdienste nicht können? Oder bin ich im Buch zu sehr auf seiten der Hacker und traue den Geheimdiensten zuwenig zu?
Keineswegs, weder noch. Um einen Kopierschutz oder ein Verfahren zum Digital Rights Management (DRM) auszuhebeln, muss man nur in den seltensten Fällen die zugrundeliegende Kryptographie knacken. Bei einem modernen Verfahren wie AACS (das bei neuen DVDs verwendet werden wird) wäre das auch gar nicht möglich, denn hier kommt mit dem Advanced Encryption Standard (AES) ein in jeder Hinsicht professioneller Algorithmus zum Einsatz, bei dem es sehr unwahrscheinlich ist, dass ihn je ein Mathematiker überwinden wird. Und wenn es gelänge, dann wäre das eine epochale mathematische Entdeckung.
Das Problem und die fundamentale Schwachstelle von Kopierschutz und DRM besteht darin, dass die Medienindustrie damit einen Kampf gegen die eigenen Kunden führt. Die Industrie gibt dem Kunden nicht nur ein verschlüsseltes Musikstück oder einen verschlüsselten Film in die Hand, sondern sie muss ihm natürlich gleichzeitig die Möglichkeit geben, die Daten wieder zu entschlüsseln und sichtbar oder hörbar zu machen. Sonst würde der Kunde kaum dafür bezahlen.
Der Kunde muss also prinzipiell über den geheimen Schlüssel verfügen, um die Daten lesen zu können, auch wenn die Industrie versucht, dieses Geheimnis vor dem Kunden selbst zu verstecken, zum Beispiel indem sie den Schlüssel auf einem versiegelten Mikrochip im Inneren des DVD-Players speichert. Solche Geheimnisse sind schlichtweg nicht absolut – es wird früher oder später zu Indiskretionen in den Fabriken kommen, wo die Chips hergestellt werden, und dergleichen.
Aber selbst wenn es nicht gelingt, den geheimen Schlüssel freizulegen, bleibt die auch im Buch erwähnte andere Schwachstelle: Irgendwann bekommt der Kunde die Daten im Klartext, spätestens wenn sie sich durch die Kabel auf den Weg zum Lautsprecher machen, oder wenn sie die Pixel des Fernseh-Bildschirms zum Leuchten bringen. Spätestens dort kann man sie abfangen und in jedes beliebige freie Format umwandeln, wenn auch vielleicht mit einem gewissen Qualitätsverlust.
Es bleibt also dabei: Kryptographie funktioniert bemerkenswert gut, Kopierschutz und DRM dagegen können nicht funktionieren. Die Gefahr für die Gesellschaft besteht darin, dass die Industrie diese Verfahren, obwohl sie fundamental nicht funktionieren können, dennoch durchzusetzen versucht. Und zwar einerseits dadurch, dass die Strafandrohungen für einen umgangenen Kopierschutz in die Höhe geschraubt werden. Dazu gehört auch, die Menschen immer stärker zu überwachen, damit solche Kopierschutzverletzungen überhaupt bemerkt und geahndet werden können. Die andere Strategie besteht darin, den Bürgern die universell einsetzbaren Computer wegzunehmen. Wenn man solche Geräte nicht mehr kaufen kann, dann beginnt tatsächlich eine schöne neue Welt, in der man zwar bunte Pixel anschauen, aber sonst nichts mit ihnen machen kann. Und das ganz ohne Kopierschutz.
Rückmeldung
Oktober 15th, 2006Nach ein paar Wochen umzugsbedingter Pause meldet sich das Blog zurück. Das Buch hat inzwischen weiter an Sichtbarkeit gewonnen, d.h. innerhalb der Szene kennt man es wohl inzwischen. Auf der Wizards-of-OS entdeckte ich es auf einem Büchertisch, wo es aber nicht etwa von meinem Verlag lanciert worden war, sondern die Veranstalter waren selber auf das Buch aufmerksam geworden und hatten es in eigener Initiative bestellt.
Allerdings ist das Buch ja nicht für die Insider geschrieben, sondern für Bürger aus allen Bereichen der Gesellschaft. Die sind natürlich sehr viel schwieriger zu erreichen, deswegen freut sich der Autor über jede Erwähnung des Titels in den üblichen Medien.
Zwei Erfolgsmeldungen: Das Buch schaffte es in die Bücherliste des ZDF nachtstudios über Big Google – die geheime Macht der Suchmaschinen, außerdem gab's eine Kurzbesprechung im Deutschlandfunk:
Fazit: Eine präzise und kompakte Einführung in eine brisante Thematik, die jeden etwas angeht.
Die Show des freien Wissens
September 11th, 2006Wenn es ein Ereignis hier in Deutschland gibt, bei dem Die Befreiung der Information im Mittelpunkt steht, dann ist das wohl Die Show des freien Wissens am nächsten Samstag im Rahmen der Konferenz Wizards of OS hier in Berlin.
In dieser Show treten Musiker auf, die ihre Stücke frei über das Netz zur Verfügung stellen, es werden freie Filme gezeigt, und es geht um freie Infrastrukturen, Games und natürlich um freie Software. Moderiert wird das ganze von Helge Haas, der manchen wohl aus Wissenschaftssendungen in der ARD bekannt ist.
Wer mein Buch liest, gewinnt vielleicht mitunter den Eindruck, dass es nur wenige sind, die sich mit freiem Informationsaustausch und freier Kultur beschäftigen -- eine Graswurzelbewegung eben, die hier und da ein nettes Pflänzlein hervorgebracht hat, aber nicht mehr. Die Show am Samstag wird vermutlich ein völlig anderes Bild vermitteln -- nämlich dass hier eine Idee wie ein Lauffeuer um sich greift und Einfluß auf immer größere Teile der Gesellschaft gewinnt.
Ich selbst habe nichts mit der Organisation der Wizards of OS oder dieser Show zu tun, möchte aber mit Nachdruck darauf hinweisen und allen, die in Berlin sind oder herkommen können, die Teilnahme empfehlen. Ort: Columbiahalle, Berlin-Tempelhof. Zeit: Samstag, 16. September ab 15 Uhr. Obwohl freies Wissen nicht notwendig heißt, dass es kein Geld kostet, ist bei dieser Veranstaltung der Eintritt dennoch frei, umsonst, kostenlos, gratis.
Teure Journale und reiche Seifenverkäufer
September 5th, 2006Vor ein paar Tagen hat Rüdiger Vaas hier im Blog einen Kommentar geschrieben, in dem er darauf hinweist, wie zur Zeit im wissenschaftlichen Publikationswesen um den Status der Information gerungen wird. Ich denke, das ist eine wichtige Ergänzung zu meiner eher beiläufigen Erwähnung von arXiv.org im Buch auf Seite 156. Damit das nicht nur im Kommentarteil stehenbleibt, hier nochmal auf der "Frontpage":
Zum Thema "Freiheit der Information" in der Wissenschaftsszene hier zwei interessante aktuelle Links, die zeigen, wie viel Geld mit unfreier Information nach wie vor zu machen ist - und warum die Forscher damit ein Problem haben.
Rücktritt des ganzen editorial staffs der Zeitschrift "Topology" aus Protest: http://math.ucr.edu/home/baez/topology-letter.pdf
Wie die Situation ist und was gegen überteuerte Journals gemacht werden kann: http://math.ucr.edu/home/baez/journals.html
Ich zitiere daraus dieses ursprünglich aus dem Forbes Magazine (2002) stammende Zitat:
If you are not a scientist or a lawyer, you might never guess which company is one of the world's biggest in online revenue. Ebay will haul in only $1 billion this year. Amazon has $3.5 billion in revenue but is still, famously, losing money. Outperforming them both is Reed Elsevier, the London-based publishing company. Of its $8 billion in likely sales this year, $1.5 billion will come from online delivery of data, and its operating margin on the internet is a fabulous 22%. Credit this accomplishment to two things. One is that Reed primarily sells not advertising or entertainment but the dry data used by lawyers, doctors, nurses, scientists and teachers. The other is its newfound marketing hustle: Its CEO since 1999 has been Crispin Davis, formerly a soap salesman.Ich bin gespannt, wie sich die Situation entwickelt. Eine wichtige Rolle werden freie e-Journals dabei spielen. Die andere wichtige Rolle haben Preprint-Server, für Mathematik und Physik insbesondere http://arXiv.org (in Deinem Buch ja auch erwähnt).
Hier geht es keineswegs nur um ein wissenschaftsinternes Problem. Die Gesellschaft insgesamt ist davon betroffen. Zum einen brechen die Bibliotheken wegen der überbordenden Kosten in die Knie und müssen ihr Angebot immer weiter einschränken - der Benutzer ist der Dumme. Zum anderen finanziert die Gesellschaft einen Großteil der Forschung und hat ein Recht darauf, die Ergebnisse zu erfahren. Zwar ist es legitim, daß Journals daran mitverdienen, insofern sie durch Begutachtung und Distribution einen Beitrag leisten. Aber das rechtfertigt nicht schamlosen Wucher und daß die Gesellschaft Seifenverkäufer zu Multimillionären macht.
Die gute Nachricht ist, daß das Internet eine preiswerte und effektive Neuorganisation der Informationsverteilung ermöglicht, die maßgeblich zur Demokratisierung von Wissen und Wissenschaft beitragen kann.