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Taktlos online
Februar 12th, 2007Der Mitschnitt der Sendung "taktlos" im Bayerischen Rundfunk, bei der ich am vergangenen Mittwoch zu Gast war, ist inzwischen auch online verfügbar (als Flash, in mehrere Abschnitte aufgeteilt).
Ich fand es aufschlußreich, von Dieter Gorny eine Reihe von Argumenten in Reinkultur zu hören, die sonst selten so ausdrücklich formuliert werden ("Wenn ich ein Brötchen klaue, ist das Diebstahl, aber wenn ich ein Musikstück klaue, soll das keiner sein?") Wer letztlich die besseren Argumente hatte, mögen die Zuhörer entscheiden.
Leider kann man in so einer Podiumsdiskussion ja alles bestenfalls anreißen. Wer genauer nachlesen will — und das nicht schon getan hat — dem empfehle ich das Musik-Kapitel in meinem Buch (S. 85ff.), besonders aber auch den Abschnitt über den "Faktor Kopie" im letzten Kapitel (S. 149ff.).
D-Radio über hochauflösendes Fernsehen (HDTV)
Februar 5th, 2007In einem kurzen Gespräch hat mich das Deutschlandradio Kultur zum hochauflösenden Fernsehen befragt (HDTV). Der Anlaß: Das ZDF stellt heute auf das neue Bildformat 16:9 um. Außerdem wurde angekündigt, dass die Olympischen Spiele 2008 in der neuen, hochauflösenden Qualität übertragen werden.
Zum Glück heißt das nicht, dass sich nun jeder bis 2008 einen neuen Fernseher kaufen muss. Die Übergangsfristen sind sehr viel länger. Auch die guten alten Flimmerkisten werden also weiter bedient werden. Nur wenn man wirklich das hochauflösende Bild in seiner ganzen Pracht sehen will, braucht man natürlich ein neues Gerät.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang aber bewußt sein, dass die Industrie mit der Umstellung auf HDTV auch gerne neue Spielregeln etablieren würde. Gerne würden Unterhaltungs-Elektroniker und Filmstudios verhindern, dass die neuen, hochauflösenden Daten einfach so aufgezeichnet, kopiert oder gar ins Internet eingespeist werden können. Eine Möglichkeit besteht darin, die Daten mit einer Art Stempel zu markieren, der dafür sorgt, dass jede Art von Aufzeichnungsgerät automatisch den Dienst verweigert. Man spricht dann von einem Broadcast Flag. Das Ansinnen, eine solche Markierung einzuführen (und per Gesetz alle Hersteller zu zwingen, ihre Aufzeichnungsgeräte dem zu unterwerfen), war jedoch bislang nicht erfolgreich. Bürgerrechtsorganisationen in den USA haben 2005 dafür sorgen können, dass dieses Gesetz scheiterte. Der Kampf geht freilich weiter. Neue Gesetzentwürfe versuchen das Broadcast Flag durch die Hintertür wieder einzuführen.
Es geht dabei um mehr als "nur" das Recht auf Privatkopie. Ich erinnere mich, wie mich kurz nach dem Hurrikan Katrina eine Mail aus den USA erreichte. Präsident Bush hatte eine Rede im Katastrophengebiet gehalten, aber was das amerikanische Fernsehen nicht zeigte, war, wie vorher die Location geschönt wurde, um eine Aktivität der Regierung vorzutäuschen, die es faktisch nicht gab. Im Deutschen Fernsehen konnte man dieses Schummeln jedoch sehen, und meine amerikanischen Freunde baten mich inständig, ob ich ihnen diese Bilder verschaffen könnte. Wir hatten sie schnell gefunden und übermittelt.
Je mehr Kontrolle die Industrie und die Politik über die Datenformate ausüben, und über die Geräte, mit denen wir fern-sehen, desto eher müssen wir uns sorgen, dass solche Szenarien wie das oben beschriebene irgendwann von staatlicher Seite unmöglich gemacht werden könnten.
Das Interview im D-Radio — in dem für den obigen Punkt leider nicht genügend Zeit war — ist als Audio-on-Demand verfügbar (ca 10 Minuten, MP3).
Durchs Netz in die Top 40
Januar 28th, 2007Die Meldung ist schon ein paar Tage alt, aber doch so wichtig, dass sie in dieses Blog gehört: Zum ersten Mal hat es vor kurzem eine Band geschafft, die britischen Top 40 Charts zu erreichen, und zwar ohne einen traditionellen Vertrag mit einem Musik-Label zu haben, einzig und allein durch Publicity und Downloads über das Internet. Es ist die Band Koopa.
Man muss einräumen, dass dieses Ergebnis auch dadurch zustande kam, dass kurz vorher das Verfahren geändert wurde, nach dem die Top 40 Charts überhaupt ermittelt werden. Vorher konnten nur solche Stücke sich qualifizieren, die physisch auf einem Tonträger erhältlich waren. Jetzt werden auch reine Downloads über das Netz gezählt — bezahlte Downloads natürlich.
Nichtsdestoweniger glauben manche Beobachter, dass dies nicht weniger als der Anfang vom Ende der Musik-Industrie ist, wie wir sie heute kennen. Und es fügt sich sehr nahtlos in die Linie der Überlegungen im Musik-Kapitel des Buchs.
Hacker und Geheimdienste: Ein ungleicher Wettlauf?
Oktober 24th, 2006Ein Leser stellte mir vor kurzem die interessante Frage, ob es im Buch nicht einen inneren Widerspruch gibt: Einerseits sage ich, dass kryptographische Verfahren heute so mächtig sind, dass nicht einmal die Geheimdienste sie überwinden können (Seite 77f.). Wenn es aber um die Kopierschutz-Verfahren der Medienindustrie geht (die oft auf Kryptographie beruhen), dann dauert es in der Regel keine paar Tage, bis irgendein Hacker irgendwo auf der Welt das Verfahren ausgehebelt hat und die geschützten Inhalte sofort weltweit verfügbar werden. Auch das steht so im Buch (z.B. Seite 100f.).
Können die Hacker und Cracker also etwas, was die Geheimdienste nicht können? Oder bin ich im Buch zu sehr auf seiten der Hacker und traue den Geheimdiensten zuwenig zu?
Keineswegs, weder noch. Um einen Kopierschutz oder ein Verfahren zum Digital Rights Management (DRM) auszuhebeln, muss man nur in den seltensten Fällen die zugrundeliegende Kryptographie knacken. Bei einem modernen Verfahren wie AACS (das bei neuen DVDs verwendet werden wird) wäre das auch gar nicht möglich, denn hier kommt mit dem Advanced Encryption Standard (AES) ein in jeder Hinsicht professioneller Algorithmus zum Einsatz, bei dem es sehr unwahrscheinlich ist, dass ihn je ein Mathematiker überwinden wird. Und wenn es gelänge, dann wäre das eine epochale mathematische Entdeckung.
Das Problem und die fundamentale Schwachstelle von Kopierschutz und DRM besteht darin, dass die Medienindustrie damit einen Kampf gegen die eigenen Kunden führt. Die Industrie gibt dem Kunden nicht nur ein verschlüsseltes Musikstück oder einen verschlüsselten Film in die Hand, sondern sie muss ihm natürlich gleichzeitig die Möglichkeit geben, die Daten wieder zu entschlüsseln und sichtbar oder hörbar zu machen. Sonst würde der Kunde kaum dafür bezahlen.
Der Kunde muss also prinzipiell über den geheimen Schlüssel verfügen, um die Daten lesen zu können, auch wenn die Industrie versucht, dieses Geheimnis vor dem Kunden selbst zu verstecken, zum Beispiel indem sie den Schlüssel auf einem versiegelten Mikrochip im Inneren des DVD-Players speichert. Solche Geheimnisse sind schlichtweg nicht absolut – es wird früher oder später zu Indiskretionen in den Fabriken kommen, wo die Chips hergestellt werden, und dergleichen.
Aber selbst wenn es nicht gelingt, den geheimen Schlüssel freizulegen, bleibt die auch im Buch erwähnte andere Schwachstelle: Irgendwann bekommt der Kunde die Daten im Klartext, spätestens wenn sie sich durch die Kabel auf den Weg zum Lautsprecher machen, oder wenn sie die Pixel des Fernseh-Bildschirms zum Leuchten bringen. Spätestens dort kann man sie abfangen und in jedes beliebige freie Format umwandeln, wenn auch vielleicht mit einem gewissen Qualitätsverlust.
Es bleibt also dabei: Kryptographie funktioniert bemerkenswert gut, Kopierschutz und DRM dagegen können nicht funktionieren. Die Gefahr für die Gesellschaft besteht darin, dass die Industrie diese Verfahren, obwohl sie fundamental nicht funktionieren können, dennoch durchzusetzen versucht. Und zwar einerseits dadurch, dass die Strafandrohungen für einen umgangenen Kopierschutz in die Höhe geschraubt werden. Dazu gehört auch, die Menschen immer stärker zu überwachen, damit solche Kopierschutzverletzungen überhaupt bemerkt und geahndet werden können. Die andere Strategie besteht darin, den Bürgern die universell einsetzbaren Computer wegzunehmen. Wenn man solche Geräte nicht mehr kaufen kann, dann beginnt tatsächlich eine schöne neue Welt, in der man zwar bunte Pixel anschauen, aber sonst nichts mit ihnen machen kann. Und das ganz ohne Kopierschutz.
Teure Journale und reiche Seifenverkäufer
September 5th, 2006Vor ein paar Tagen hat Rüdiger Vaas hier im Blog einen Kommentar geschrieben, in dem er darauf hinweist, wie zur Zeit im wissenschaftlichen Publikationswesen um den Status der Information gerungen wird. Ich denke, das ist eine wichtige Ergänzung zu meiner eher beiläufigen Erwähnung von arXiv.org im Buch auf Seite 156. Damit das nicht nur im Kommentarteil stehenbleibt, hier nochmal auf der "Frontpage":
Zum Thema "Freiheit der Information" in der Wissenschaftsszene hier zwei interessante aktuelle Links, die zeigen, wie viel Geld mit unfreier Information nach wie vor zu machen ist - und warum die Forscher damit ein Problem haben.
Rücktritt des ganzen editorial staffs der Zeitschrift "Topology" aus Protest: http://math.ucr.edu/home/baez/topology-letter.pdf
Wie die Situation ist und was gegen überteuerte Journals gemacht werden kann: http://math.ucr.edu/home/baez/journals.html
Ich zitiere daraus dieses ursprünglich aus dem Forbes Magazine (2002) stammende Zitat:
If you are not a scientist or a lawyer, you might never guess which company is one of the world's biggest in online revenue. Ebay will haul in only $1 billion this year. Amazon has $3.5 billion in revenue but is still, famously, losing money. Outperforming them both is Reed Elsevier, the London-based publishing company. Of its $8 billion in likely sales this year, $1.5 billion will come from online delivery of data, and its operating margin on the internet is a fabulous 22%. Credit this accomplishment to two things. One is that Reed primarily sells not advertising or entertainment but the dry data used by lawyers, doctors, nurses, scientists and teachers. The other is its newfound marketing hustle: Its CEO since 1999 has been Crispin Davis, formerly a soap salesman.Ich bin gespannt, wie sich die Situation entwickelt. Eine wichtige Rolle werden freie e-Journals dabei spielen. Die andere wichtige Rolle haben Preprint-Server, für Mathematik und Physik insbesondere http://arXiv.org (in Deinem Buch ja auch erwähnt).
Hier geht es keineswegs nur um ein wissenschaftsinternes Problem. Die Gesellschaft insgesamt ist davon betroffen. Zum einen brechen die Bibliotheken wegen der überbordenden Kosten in die Knie und müssen ihr Angebot immer weiter einschränken - der Benutzer ist der Dumme. Zum anderen finanziert die Gesellschaft einen Großteil der Forschung und hat ein Recht darauf, die Ergebnisse zu erfahren. Zwar ist es legitim, daß Journals daran mitverdienen, insofern sie durch Begutachtung und Distribution einen Beitrag leisten. Aber das rechtfertigt nicht schamlosen Wucher und daß die Gesellschaft Seifenverkäufer zu Multimillionären macht.
Die gute Nachricht ist, daß das Internet eine preiswerte und effektive Neuorganisation der Informationsverteilung ermöglicht, die maßgeblich zur Demokratisierung von Wissen und Wissenschaft beitragen kann.