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Computer in jedem Haushalt, zusammengeschaltet über ein Netz, das jeden mit jedem verbindet, über Ländergrenzen und Kontinente hinweg.
Was vielen vor zehn Jahren noch als unrealistisch erschienen wäre, ist heute so sehr Teil des Alltags geworden, dass wir es kaum noch als Besonderheit wahrnehmen. Die Entwicklung hat sich in einer Art Selbstorganisation vollzogen, ohne dass sie von einer einzelnen Instanz geplant oder gesteuert worden wäre — nicht einmal von den großen Konzernen, die lange Zeit den Geschehnissen eher atemlos hinterherliefen, als dass sie entschieden hätten, wohin die Reise gehen soll.
Und so ist eine Situation entstanden, in der Teenager, die über das Netz Musikstücke austauschen, den Vertriebswegen der Musikindustrie weit überlegen sind.
Es ist eine Situation, in der eine Online-Enzyklopädie, an der jeder Internet-Benutzer mit einem einzigen Mausclick mitarbeiten kann, in weniger als vier Jahren der Encyclopædia Britannica ebenbürtig wurde.
Eine Situation, in der jeder E-Mail-Schreiber seine Briefe so verschlüsseln könnte, dass auch die mächtigsten Geheimdienste der Welt davor kapitulieren müssten.
Es ist eine Welt, in der neun von zehn Computerbenutzern die Software, die sie zum Betrieb ihrer Geräte brauchen, von einem einzigen Unternehmer beziehen, der dadurch zum reichsten Mann der Welt wurde.
Gleichzeitig programmiert eine Szene von Enthusiasten ein alternatives Betriebssystem, das dieselben Aufgaben besser erfüllen kann, und stellt es jedem zur freien Verfügung.
Das informationstechnische Erdbeben, das diese Entwicklungen auslösen, ist so gewaltig, dass ganze Industriezweige um ihren Umsatz, wenn nicht sogar um ihre Existenz zu fürchten beginnen — und zwar mit einigem Recht. Die Folge ist, dass diese Industrien, sobald sie den Ernst der Lage erkennen, alle Hebel in Bewegung setzen, um die Entwicklungen aufzuhalten oder in ihrem eigenen Interesse umzulenken. Da die Veränderungen aber sehr weitreichend sind und da sie allesamt eher dem einzelnen Individuum als den großen Konzernen zugute kommen, sind drakonische Maßnahmen erforderlich, um sie wieder zu kontrollieren. Viele der Gesetze, die heute auf Betreiben großer Unternehmen erlassen werden, sind kaum anders als mit Orwell'schen Begriffen zu beschreiben. Werden sie durchgesetzt, dann könnten sich die bereits sichtbaren, positiven Effekte der digitalen Revolution in ihr reines Gegenteil verkehren. Das hat eine völlig neue Form von Bürgerrechtsbewegungen auf den Plan gerufen, die sich für die »digitalen Rechte« der Individuen einsetzen — Rechte, von deren Existenz die Betroffenen oft kaum etwas ahnen und mit deren Hintergründen sie erst vertraut gemacht werden müssen.
Wenn in diesem Buch von einer »digitalen Revolution« die Rede ist, sind damit zwei klar umrissene Faktoren gemeint. Der erste ist die rasante Entwicklung der Digital- und Computertechnik seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Idee, Informationen wie zum Beispiel Texte, Musikstücke oder Bilder durch Folgen von »Nullen und Einsen«, also Spannungsmuster in elektronischen Schaltkreisen, darzustellen, erwies sich als so mächtig, dass diese Technik innerhalb weniger Jahrzehnte den Weg auf jeden Schreibtisch, in jeden Haushalt, in jedes Hi-Fi-Regal und in jede Handtasche oder Jackentasche fand. Die Entwicklung verlief exponentiell: Schon in den siebziger Jahren hatte einer der Gründer der Firma Intel, Gordon E. Moore, vorausgesagt, dass sich die Anzahl der Schaltelemente auf einem Chip regelmäßig verdoppeln würde. Das Zeitintervall dafür wurde später auf etwa 18-24 Monate geschätzt. In den vergangenen dreißig Jahren erfüllte sich diese Voraussage mit bemerkenswerter Genauigkeit — und zwar zum Teil deshalb, weil jeder Hersteller immer wieder befürchtete, die Konkurrenz würde den nächsten Verdopplungsschritt termingerecht schaffen, und sich darum zum »Gleichziehen« gezwungen sah. Mehrfach mussten dazu völlig neue Technologien entwickelt werden, die wenige Jahre vorher noch nicht bekannt waren. Das Mooresche Gesetz wurde also zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung. In der Folge sind die Geräte, die wir heute mit uns herumtragen, um Größenordnungen leistungsfähiger als diejenigen, die in den siebziger Jahren noch ganze Laboretagen füllten. Ein typischer Mikroprozessor ist heute etwa tausendmal schneller als in den achtziger Jahren, die typische Größe des Arbeitsspeichers hat sich ebenfalls etwa vertausendfacht, und die Kapazität einer Computerfestplatte ist sogar um den Faktor zehntausend bis einhunderttausend größer geworden.
Für sich alleine hätte diese Entwicklung der Computertechnik jedoch kaum zu einer derartigen Umwälzung der Informationsprozesse in der Gesellschaft geführt, wie wir sie heute beobachten. Es bedurfte noch einer zweiten, mindestens ebenso wichtigen Entwicklung, nämlich derjenigen eines weltumspannenden Netzwerkes, das diese Geräte in sehr effizienter Weise miteinander verbindet. Das Internet, wie wir es heute kennen, ging hervor aus einem Datennetz, das seit den siebziger Jahren mehrere US-amerikanische Universitäten miteinander verband, dem sogenannten ARPANET. Seinen Namen erhielt dieses Netz von der Advanced Research Project Agency (ARPA), einer Behörde des US-Verteidigungsministeriums, welche die entsprechenden Forschungsprojekte zum Teil finanziert hatte. Zweifelsohne spielten also auch militärische Interessen eine Rolle bei der Entwicklung. Die oft gehörte Erklärung, das Internet sei entwickelt worden, um ein Netzwerk aufzubauen, das gegebenenfalls auch einen Atomschlag überstehen könnte, ist hingegen nur ein Gerücht, wenn auch ein sehr hartnäckiges. Tatsächlich ging es vor allem darum, die teure und begrenzte Computerleistung möglichst effizient einzusetzen, indem man sie auch Forschern an anderen Universitäten zur Verfügung stellte.[1]
Die Idee solcher vergleichsweise unregulierter Datenschnellverbindungen bewies eine derartige Zugkraft, dass sich das Netz schnell erweiterte. Bereits 1973 entstanden die ersten transatlantischen Verbindungen zu Universitäten in Norwegen und Großbritannien. Anfang der achtziger Jahre wurde mit dem TCP/IP-Protokoll eine Art lingua franca der Computernetze eingeführt, so dass es fortan möglich war, beliebige Arten von schon bestehenden Netzwerken zusammenzuschalten und über die Grenzen dieser Netzwerke hinweg Nachrichten auszutauschen. Man bezeichnete diese netzwerkübergreifende Kommunikation mit dem Begriff »inter-networking«, und für das entstandene »Netz der Netze« setzte sich bald die Bezeichnung »das Internet« durch.
Waren sie einmal vorhanden, konnte man über die Datenleitungen beliebige Anwendungen realisieren. In der Frühzeit des Internet war das vor allem die elektronische Post (E-Mail) sowie ein System dezentral betriebener Diskussionsforen, das sogenannte USENET. In ein allgemein zugängliches Medium verwandelte sich das Internet dann Anfang der neunziger Jahre, als Tim Berners-Lee am Europäischen Kernforschungszentrum in Genf (CERN) das World Wide Web (WWW) erfand. Durch diese Technik wurde es möglich, Informationen in Form optisch aufbereiteter und formatierter Seiten zur Verfügung zu stellen, diese Seiten durch Hyperlinks miteinander zu verbinden und mithilfe von Suchmaschinen in Sekundenbruchteilen aufzufinden. Das Internet wurde damit zu einem globalen Informationsraum, der ohne besondere Vorkenntnisse betreten werden konnte. Fast gleichzeitig mit dem Aufkommen des World Wide Web begannen sich darum sowohl kommerzielle Anbieter als auch Privatbürger für das Netz zu interessieren — zunächst gegen beträchtlichen Widerstand seitens der Universitäten, die ihre Forschungsnetze durch die freie Wirtschaft gefährdet sahen. Allerdings war bis Mitte der neunziger Jahre bereits eine sehr vielfältige Netzkultur entstanden, die weit über rein akademische Interessen hinausging. Das Internet war nur noch nominell eine reine »Forschungseinrichtung«. Gegen Ende der neunziger Jahre kam es dann zum explosionsartigen Anwachsen der Teilnehmerzahl, als das Internet den Weg in die Privathaushalte fand.
Bemerkenswert an diesem Phänomen ist seine wirtschaftliche Grundlage. Der Verfasser erinnert sich noch gut an einen Moment Anfang der neunziger Jahre, als ihm ein Universitäts-Kollege über die Schulter schaute. Es war gerade ein transatlantischer Datentransfer im Gange.
»Und wer bezahlt das?«, fragte er entgeistert.
»Niemand. Es ist einfach da.«
Die Antwort ist weniger naiv, als sie klingt. Zwar ist es richtig, dass transatlantische Kabel und die übrige Infrastruktur des Netzwerks viel Geld kosten. Diese Kosten werden aber, anders als zum Beispiel beim Telefonnetz, nicht auf die einzelne Verbindung, den einzelnen Datentransfer umgelegt. Finanziert wird das Netz vielmehr indirekt, und das aus den unterschiedlichsten Quellen: Zum Teil sind es Steuergelder, zum größten Teil aber eine in der Summe längst nicht mehr nachvollziehbare Verflechtung zahlloser Betreibergesellschaften und Diensteanbieter. Das Internet gleicht in dieser Hinsicht viel eher dem Straßennetz als dem Telefonnetz: Es ist eine Ressource, die von der Gesellschaft als ganzer bereitgestellt und finanziert wird — auch wenn sich die einzelnen Teile in den unterschiedlichsten privaten und kommerziellen Händen befinden. Da es sich um eine Meta-Struktur — ein Netz der Netze — handelt, besitzt niemand die ultimative Kontrolle darüber, und die Finanzierung ist weitgehend entkoppelt von der Funktion des Systems.
Leistungsfähige Informationsprozessoren in den Händen jedes einzelnen Bürgers, weltumspannende Datenleitungen, die jedem ununterbrochen zur Verfügung stehen — es ist klar, dass sich der Stellenwert der Information und die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit ihr umgeht, dadurch nachhaltig verändern werden. Tatsächlich haben sich viele dieser Veränderungen bereits ereignet, haben unhintergehbare Fakten geschaffen, die wiederum neue Prozesse auslösen. Dieses Buch dokumentiert die wichtigsten von ihnen.
Die ersten, die mit den neuen Technologien in Berührung kamen, waren die Programmierer. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass das Hinterfragen der informationstechnischen Spielregeln der Gesellschaft unter ihnen seinen Anfang nahm. Während zu Beginn der achtziger Jahre viele Unternehmen damit begannen, Software als ein Produkt zu betrachten, das man verkaufen konnte, war der Programmierer Richard Stallman davon überzeugt, dass Software der Gesellschaft dann am meisten nützen würde, wenn sie frei wäre, also jedem ungehindert zur Verfügung stünde. Er begann darum das sogenannte GNU-Projekt, dessen Ziel es war, jedem Computerbenutzer »Freie Software« zur Verfügung zu stellen, die alle seine Bedürfnisse erfüllte, ohne dass er sich deshalb in die Abhängigkeit irgendwelcher Unternehmen begeben müsste. Um die Freiheit der GNU-Software zu garantieren, stellte Stallman sie unter eine Lizenz, die das Urheberrecht in geschickter Weise ausnutzt, um andere Programmierer oder Unternehmen zu ermuntern — oder auch zu zwingen —, ihre Software ebenfalls frei verfügbar zu machen. Aus dem GNU-Projekt ging schließlich das Betriebssystem hervor, das heute unter dem Namen »Linux« bekannt ist. Die zugrundeliegenden Ideen haben jedoch die Software-Industrie noch weit darüber hinaus verändert; Schlagworte wie »Open Source«, die heute nicht nur Programmierern geläufig sind, stammen ebenfalls aus dem Umfeld von GNU und Linux. Das auf diese Einleitung folgende Kapitel beschreibt diese Entwicklungen im Detail.
Während Programmierer wie Richard Stallman die Grundlagen für eine freie Verfügbarkeit von Information schufen, kam es zu einer scheinbar gegenläufigen Entwicklung im Bereich der Kryptographie, also der Wissenschaft, die sich mit dem Verschlüsseln und Entschlüsseln von Informationen beschäftigt. Mehrere mathematische und technische Durchbrüche sorgten seit den siebziger Jahren dafür, dass derjenige, der Informationen vor unbefugtem Zugriff schützen will, dies heute mit einer nie dagewesenen Effektivität tun kann — gleichgültig, ob es sich dabei um einen Medienkonzern handelt, der die unerwünschte Verbreitung seiner Produkte verhindern will, oder um einen Bürgerrechtler, der an einem repressiven Regime vorbei mit der Außenwelt kommunizieren will. Kryptographische Verfahren sind darum ein wichtiger Schauplatz der Auseinandersetzungen um den Status der Information in der Gesellschaft, und das dritte Kapitel dieses Buches wird sich ausführlich mit ihnen beschäftigen.
Der für die Öffentlichkeit sichtbarste Kampf um die Hoheit über die Information spielt sich heute in der Welt der klassischen Medien ab, besonders in den Bereichen Musik, Film und dem geschriebenen Wort. Am augenfälligsten ist dabei die Krise, in der sich die Musikindustrie befindet. Die Kapazität der Netzwerke ist heute ausreichend, um Audio-Daten in akzeptabler Qualität vollkommen widerstandslos und ohne nennenswerte Kosten zu übertragen. Die Vertriebsstrukturen der Musikindustrie — das Herstellen von Tonträgern, ihre Lagerung und Auslieferung zu den Händlern — werden damit überflüssig. Freie Internet-Tauschbörsen für Musikdateien sind darum zu einer signifikanten Erscheinung geworden, und die Industrie geht, um ihr Geschäftsmodell zu verteidigen, in großem Stil dagegen vor. Tausende von Tauschbörsen-Benutzern werden verklagt, gleichzeitig versucht man, dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit mittelfristig keine universell einsetzbaren Computer mehr kaufen kann. Sie sollen ersetzt werden durch Geräte, die nur noch solche Operationen erlauben, mit denen die großen Konzerne einverstanden sind.
Die Filmbranche befindet sich in einer vergleichbaren Situation, unterschieden allerdings durch die Tatsache, dass die Netzwerke dem Transport von Video-Daten noch nicht wirklich gewachsen sind. Ein abendfüllender Spielfilm besteht aus etwa tausendmal mehr Daten als ein dreiminütiges Musikstück. Allerdings ist seine Produktion auch etwa um denselben Faktor teurer. Die Filmindustrie hat darum ein vielleicht noch größeres Interesse als die Musikindustrie, die freie Verbreitung der Daten möglichst zu verhindern. Anders als die Musikindustrie muss sie dabei auch keinerlei Rücksicht auf etablierte Formate wie zum Beispiel das der Audio-CD nehmen. Sie setzt darum in viel stärkerem Maße bereits heute kryptographische Verfahren ein, um ihre Produkte und damit ihr Geschäftsmodell zu schützen. Gleichzeitig macht sie dabei immer wieder die Erfahrung, dass jeder dieser Versuche fast augenblicklich von der verteilten, dezentralen Intelligenz tausender Programmierer ausgehebelt und überwunden wird. Auch hier ist darum zunehmend die Forderung zu hören, das Problem aus der Welt zu schaffen, indem man der Öffentlichkeit den universellen Computer wegnimmt und ihn durch Geräte ersetzt, die unter der Kontrolle der Industrie stehen.
Das geschriebene Wort und seine physische Erscheinungsform, das Buch, ist demgegenüber von der digitalen Revolution bislang erstaunlich unberührt geblieben. Die Gründe dafür dürften vor allem in der technischen Überlegenheit des Mediums Buch liegen, dessen Vorteilen die digitale Welt bislang nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hat. Beantwortet werden muss jedoch die Frage, ob und wie das in Büchern gespeicherte Wissen in den zunehmend digitalen Informationsraum unserer Kultur integriert werden kann.
Die hier skizzierten Entwicklungen in der Welt der klassischen Medien sind Gegenstand des vierten, fünften und sechsten Kapitels, die sich mit der Musikindustrie, der Filmbranche und mit der Zukunft des Buches beschäftigen. Die digitale Revolution bringt jedoch Möglichkeiten mit sich, die über die reine Übermittlung von Information von wenigen an viele, wie sie charakteristisch für die klassischen Medien ist, hinaus gehen. Das Internet erlaubt die hochgradig dezentrale Kommunikation und damit Kooperation zwischen Individuen; es sind diese Mechanismen, die ein Projekt wie das GNU/Linux-Betriebssystem überhaupt möglich machen. In den letzten Jahren sind mehrere höchst erstaunliche Projekte entstanden, die nach denselben Prinzipien funktionieren; das bekannteste von ihnen ist die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Die Mechanismen solcher weltweit verteilten Kooperationsprojekte stehen im Zentrum des siebten Kapitels.
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