Film

Grundsätzlich steckt die Filmindustrie in sehr ähnlichen Problemen wie die Musikindustrie. Die Hoheit über das Medium der bewegten Bilder begann zu bröckeln, als in den siebziger Jahren der Videorekorder eingeführt wurde; sie geriet ins Wanken mit Einführung der DVD in den neunziger Jahren, als der Film, wie vorher die Musik, zu einem digitalen Medium wurde und in die Computer und Datenleitungen der Bevölkerung gelangte. Und so werden Spielfilme heute oft in denselben Tauschbörsen gehandelt wie Musikdateien. Aus der Natur der Sache ergeben sich jedoch einige ganz wesentliche Unterschiede zur Musik, die dafür sorgen, dass der Kampf um die Befreiung der Information hier manche andere Wendungen nimmt als dort.

Zunächst einmal ist die Produktion eines typischen Spielfilms um ein Vielfaches teurer als die Produktion einer Musik-CD. Auch abgesehen von gigantischen Hollywood-Epen, die dreistellige Millionenbeträge verschlingen, ist die Produktion eines Spielfilms ein Unterfangen, das tiefe Taschen voraussetzt — und damit eine Industrie, die großes Interesse daran hat, das eingesetzte Kapital auch zurückzubekommen.

Ihr Einkommen erhielt die Filmbranche bis vor sehr kurzer Zeit fast ausschließlich aus der öffentlichen Aufführung in Kinos und (in viel geringerem Maße) dem Fernsehen. Das Geld, das für die Produktion eines Films ausgegeben worden war, musste typischerweise innerhalb weniger Wochen an den Kinokassen wieder eingespielt werden. Das jedoch ändert sich nun rapide durch das Aufkommen der DVD-basierten Heimkino-Technologie mit ihren Großbildschirmen und Dolby-Surround-Sound. Die Filmindustrie ist in dieser Hinsicht im Begriff, der Musikindustrie sehr viel ähnlicher zu werden: Sie stellt ein Produkt her, dass für die Verwendung zu Hause oder unterwegs gedacht ist, nicht mehr für die ortsgebundene Aufführung an einem öffentlichen Ort.

Wenn man jedoch das Produkt den Kunden selbst in die Hand gibt, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass diese damit auch tun, was sie wollen. Und so kursieren denn Filme auch bereits in den einschlägigen Tauschbörsen. Was für Musik ausgezeichnet funktioniert, steckt im Fall des Films allerdings noch in den Anfängen, und das liegt vor allem an den benötigten Datenmengen: Ein Spielfilm im DVD-Format ist etwa um den Faktor tausend größer als ein Musikstück — und dabei ist die Kompression der Videodaten schon mit eingerechnet. In den heutigen Datennetzen ist es noch kaum praktikabel, solche Informationsmengen zu übertragen, jedenfalls nicht in großem Stil. Die Filmindustrie hat somit noch eine gewisse »Gnadenfrist«, bevor sie sich in exakt derselben Situation wiederfinden wird, in der heute die Musikindustrie ist.

Kryptographie für Anfänger

Da die DVD-Technologie sehr viel jünger ist als die Audio-CD, wurde sie bereits mit der Maßgabe entwickelt, den freien Austausch der gespeicherten Filmdaten möglichst zu verhindern. Bei der Audio-CD stecken die Bits gewissermaßen völlig ungeschützt in der Plastikscheibe, weil es zum Zeitpunkt ihrer Erfindung undenkbar war, dass Privatpersonen sie dort hinein- oder wieder herausbekämen, geschweige denn, sie innerhalb von Sekunden weltweit zu verbreiten. DVDs enthielten dagegen von Anbeginn an einen Kopierschutzmechanismus, der auf Kryptographie beruht. Die Daten sind üblicherweise durch ein Verfahren namens CSS (Content Scrambling System) verschlüsselt. Durch einen symmetrischen Verschlüsselungsalgorithmus sorgt dieses Verfahren dafür, dass die Daten nur von solchen Geräten gelesen werden können, die über einen geheimen Player-Schlüssel verfügen. Es gibt etwa 400 solcher Schlüssel, und sie wurden bei Einführung der DVD-Technologie den einzelnen Herstellern zugeteilt. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass nur akkreditierte Hersteller Abspielgeräte für DVDs bauen konnten.

So jedenfalls in der Theorie. In der Praxis zeigte sich, dass das Verfahren fast schon verblüffend dilettantisch konzipiert war — so dilettantisch, dass manche Experten es heute als abschreckendes Beispiel für den inkompetenten Einsatz von Kryptographie anführen.

Es beginnt damit, dass der verwendete Algorithmus ein ad hoc entworfenes Verfahren ist, das einer ernsthaften Sicherheitsüberprüfung nicht standhält. Die nominelle Schlüssellänge beträgt nur 40 bit, tatsächlich aber enthält der Algorithmus Schwachstellen, die die effektive Schlüssellänge auf kaum die Hälfte davon reduzieren. Ein gewöhnlicher Heim-PC kann einen solchen Schlüssel in weniger als einem Tag finden.

Womöglich hatte die Industrie aber gar keine andere Wahl, als einen so schlechten Algorithmus einzusetzen, denn jede »ernsthafte« Form von Kryptographie wäre damals, Mitte der neunziger Jahre, unter das amerikanische Exportverbot für Rüstungstechnologie gefallen. Vielleicht ging man auch davon aus, dass die Schwäche des Algorithmus' dadurch kompensiert würde, dass das Verfahren geheim gehalten wurde — ein typisches Beispiel für das, was Experten security by obscurity, also etwa »Sicherheit durch Geheimhaltung« nennen. Es besteht in der Fachwelt Konsens, dass security by obscurity grundsätzlich nicht funktioniert, weil die Details eines Algorithmus früher oder später doch an die Öffentlichkeit gelangen.

So auch im Fall von CSS. Zwar dauerte es drei Jahre, bis das Verfahren öffentlich bekannt und damit ausgehebelt war, aber das dürfte auch dadurch zu erklären sein, dass die DVD-Technologie einige Jahre brauchte, um überhaupt nennenswerte Verbreitung zu finden. Es war der 15-jährige Norweger Jon Lech Johansen, der im Oktober 1999 ein Programm namens DeCSS veröffentlichte, das die CSS-Verschlüsselung rückgängig machen konnte.

Kurze Zeit später drang die norwegische Polizei in Johansens elterliche Wohnung ein und beschlagnahmte seine Gerätschaften. In dem Verfahren, das daraufhin eröffnet wurde, gab Johansen an, den DeCSS-Code zusammen mit zwei anderen Programmierern geschrieben zu haben, deren Namen er jedoch nicht preisgab. Johansens Verteidigung wurde von der Electronic Frontier Foundation übernommen, die unter anderem argumentierte, dass Johansen nur solche DVDs entschlüsselt hatte, die sich legal in seinem Besitz befanden, und dass es nach norwegischem Recht erlaubt sei, Kopien zum persönlichen Gebrauch zu machen. Im Januar 2003 wurde Johansen in erster Instanz freigesprochen. Die Anklage ging daraufhin in Revision; im Oktober 2003 erfolgte ein weiterer Freispruch vor der nächsthöheren Instanz. Die Anklage erklärte daraufhin, auf eine weitere Revision verzichten zu wollen.

Das geschah möglicherweise auch deshalb, weil der Geist wieder einmal aus der Flasche war. Aus Solidarität und Protest hatten Aktivisten während des Prozesses begonnen, den CSS-Algorithmus in allen nur erdenklichen Varianten zu publizieren — etwa als T-Shirt oder als Folge von Haiku-Gedichten —, so dass es nicht mehr möglich war, Johansen als alleinigen »Übeltäter« hinzustellen. Heute, im Jahr 2006, sind mehrere praktisch einsetzbare Versionen des CSS-Algorithmus frei erhältlich.

Das ist allerdings auch dringend nötig, denn ohne diesen Code wäre es unter freien Betriebssystemen wie GNU/Linux nicht möglich, DVDs abzuspielen. Weil der rechtliche Status solcher CSS-Module jedoch unklar ist, geht derzeit keine offizielle GNU/Linux-Distribution das Risiko ein, den Code als Bestandteil des Betriebssystems mitzuvertreiben. Der Anwender muss sich diesen Code also nach der Installation noch selber beschaffen. Zwar wird das in der Regel so weit vorbereitet, dass ein einzelnes Kommando oder ein einzelner Mausclick dazu genügt, aber die Tatsache, dass DVDs unter Microsoft Windows oder Apples MacOS »einfach so« abgespielt werden können, während unter GNU/Linux ein winziger, aber entscheidender Schritt des Benutzers erforderlich ist, ist für den Massenmarkt ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Erste, zweite bis sechste Welt

Abgesehen vom CSS-Verfahren verfügen DVDs noch über einen weiteren Schutzmechanismus, der davon unabhängig ist. Es handelt sich dabei um das sogenannte Region Coding, bei dem DVDs mit einer Zahl markiert werden, die den vorgesehenen Absatzmarkt angibt. Folgende Regionen sind definiert:

Region 1 Bermuda, Kanada, USA und zugehörige Territorien
Region 2 Mittlerer Osten, Europa, Ägypten, Grönland, Japan, Lesotho, Südafrika, Swasiland
Region 3 Südostasien, Hongkong, Macau, Südkorea und Taiwan
Region 4 Mittelamerika, Karibik, Mexiko, Ozeanien (einschließlich Australien und Neuseeland), Südamerika
Region 5 Restliches Afrika, ehemalige Sowjetunion, indischer Subkontinent, Mongolei, Nordkorea
Region 6 China
Region 7 reserviert
Region 8 »internationale Orte« wie Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe

Jedes Abspielgerät ist mit einem entsprechenden Code markiert, der angibt, zu welcher Region das jeweilige Gerät gehört. DVD-Player, die man in deutschen Geschäften kauft, haben zum Beispiel in der Regel den Region Code »2«, erkennbar an einem Logo auf der Rückseite des Geräts. Wird beim Einlegen einer DVD erkannt, dass der Region Code nicht übereinstimmt, weigert sich das Gerät, die DVD abzuspielen.

Der Sinn dieses Mechanismus' ist natürlich, die weltweite Vermarktung von Filmtiteln stärker kontrollieren zu können. Die Industrie möchte in der Lage sein, denselben Titel in den unterschiedlichen weltweiten Märkten zu unterschiedlichen Preisen und mit unterschiedlichen Zeitfenstern anzubieten. So könnte ein Film zum Beispiel in Nordamerika schon auf DVD erhältlich sein, während in Europa der Kinostart noch gar nicht erfolgt ist. Darüber hinaus geht es natürlich darum, die lukrativen Märkte der westlichen Welt von den professionellen Raubkopierern vor allem in Asien, die dort weitgehend vom Staat toleriert werden, abzuschotten.

In der Praxis scheitert das Verfahren jedoch an der zunehmenden Mobilität der Weltgesellschaft. Gerade die eher zahlungskräftigen Kunden ärgern sich, wenn sie die beim Weihnachtsshopping in New York oder Bangkok gekauften DVDs nicht auf dem heimischen Fernseher anschauen können. Und so kursieren heute im Internet für fast jedes Gerät auf dem Markt Anleitungen, wie man den Region Code umstellen oder ganz abschalten kann (denn natürlich werden die Geräte alle in denselben Fabriken hergestellt und erst nachträglich per Software für den entsprechenden Absatzmarkt »eingestellt« — und was per Software aktiviert wurde, lässt sich auch per Software wieder deaktivieren). Inzwischen bieten selbst manche Hersteller ihre Geräte, zum Teil gegen geringen Aufpreis, in einer Version ohne Region Code an, ohne dass sie deshalb fürchten müssten, aus der Riege der akkreditierten Hersteller ausgeschlossen zu werden.

Das Verfahren ist damit weitgehend ad absurdum geführt beziehungsweise zu einer bloßen Lästigkeit geworden — und in der Regel sind es die ehrlichen, aber technisch unbedarften unter den Kunden, die es mit ganzer Härte trifft.

Das Imperium schlägt zurück

Inzwischen befindet sich eine neue, zweite Generation der DVD-Technologie vor der Markteinführung. Es handelt sich dabei um die konkurrierenden Standards Blu-Ray und HD-DVD, mit denen hochauflösende Videodaten gespeichert werden können — Daten also in besserer Qualität, als sie der mittlerweile recht betagte Heimfernseher hergibt. Die Speicherkapazität einer Disc wurde dazu mithilfe neuer Verfahren noch einmal um das bis zu Fünffache erhöht.

Gleichzeitig bietet das der Industrie die Gelegenheit, neue Kopierschutzmechanismen einzuführen — und sie scheint fest entschlossen, die Fehler, die zum Fiasko des CSS-Verfahrens geführt haben, nicht zu wiederholen. Das neue Verfahren zur Verschlüsselung der Videodaten heißt AACS (Advanced Access Content System) und wird sowohl bei Blu-Ray als auch HD-DVD zum Einsatz kommen. Der Einsicht folgend, dass security by obscurity nicht funktioniert, ist AACS in allen Einzelheiten öffentlich dokumentiert.[45]

Das Prinzip ist dasselbe wie bei CSS: Die Videodaten auf einer Disc sind symmetrisch verschlüsselt, und zwar mit einem Schlüssel, der sich auf der Disc selber befindet. Der Schlüssel selber ist wiederum verschlüsselt, und zwar mit einem geheimen Player-Schlüssel, über den nur akkreditierte Geräte verfügen. Als Verschlüsselungs-Algorithmus kommt der Advanced Encryption Standard (AES) zum Einsatz, der offizielle Nachfolger des DES-Algorithmus (vgl. S. 70 [link]). Da die Schlüssellänge von AES 128 bit beträgt, ist der Algorithmus selbst für die größten Supercomputer (oder die Gemeinschaft aller PCs im Internet) unverwundbar. Es existieren keine bekannten Schwachstellen.

Das wirklich Neue an AACS ist jedoch das System, mit dem die geheimen Player-Schlüssel vergeben werden. Anders als bei CSS, wo es nur eine Frage der Zeit war, bis die 400 »geheimen« Schlüssel allesamt geknackt oder sonst wie in die Öffentlichkeit gelangt waren, können bei AACS bis zu zwei Milliarden unterschiedliche Schlüssel vergeben werden. Das bedeutet, dass nun im Prinzip jedes einzelne Gerät einen eigenen, unverwechselbaren Schlüssel bekommen kann.

Möglich wird das durch eine neues mathematisches Konzept, die sogenannten Naor-Naor-Lotspiech-Teilmengen-Differenz-Bäume. Sie erlauben nicht nur die große Menge möglicher Schlüssel, sondern auch, einzelne dieser Schlüssel gezielt zu deaktivieren. Das bedeutet: Sollte es dazu kommen, dass ein einzelner Player-Schlüssel in die Öffentlichkeit gelangt — zum Beispiel durch eine Indiskretion eines Angestellten in der Fabrik, wo die Player hergestellt werden —, dann kann auf allen zukünftig hergestellten DVDs dieser eine Schlüssel deaktiviert werden, ohne dass davon andere Schlüssel betroffen wären. Alte DVDs könnten also mit diesem Schlüssel nach wie vor abgespielt werden, neue dagegen nicht mehr. Der entwendete Schlüssel wäre damit über kurz oder lang nutzlos.

Obwohl AACS damit eine nicht unbeeindruckende kryptographische Leistung darstellt, reagiert die Fachwelt bislang eher skeptisch. Die renommierte Fachzeitschrift IEEE Spectrum rechnete es beispielsweise unter die Technologien, die in den nächsten Jahren am allerwahrscheinlichsten »floppen« werden.[46] Zur Begründung wurden gleich mehrere Szenarien skizziert, wie man das Verfahren aushebeln könnte: Käme zum Beispiel irgendjemand auf der Welt in den Besitz eines geheimen Player-Schlüssels und würde ihn verwenden, um unverschlüsselte Versionen bestimmter Filme ins Netz zu stellen, dann hätten die Unternehmen keine Möglichkeit, herauszufinden, welcher Schlüssel es ist, den sie deaktivieren müssten.

Jon Johansen, der Entwickler des DeCSS-Programms, hat sich vorsorglich schon einmal die Internet-Adresse DeAACS.com registrieren lassen.

King Kong geht in die Knie

Es war der Star-Wars-Epiker George Lucas, der am Tag nach der Oscar-Verleihung 2006 mutmaßte, die Zeit der gigantischen Produktionen mit einem Budget von über 100 Millionen Dollar sei wohl vorbei. Als Menetekel sah er das jüngst enttäuschende Abschneiden von Peter Jacksons King Kong an den Kinokassen. In der Zukunft, so Lucas, seien wahrscheinlich nicht mehr als 15 Millionen Dollar pro Film finanzierbar.[47]

Tatsächlich sind die Zahlen durchaus nicht eindeutig. In Deutschland ging im Jahr 2005 die Zahl der Kinobesucher zwar deutlich zurück, aber gleichzeitig nahmen die Einnahmen durch den Verkauf und Verleih von DVDs zu.

Diese neue Einnahmequelle steht jedoch auf wackligen Füßen. Da, wie die Vergangenheit gezeigt hat, letzten Endes keine Form des Kopierschutzes funktionieren wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Kapazität der Datenleitungen so weit angewachsen sein wird, dass den Benutzern jeder beliebige, jemals produzierte Film genauso frei zur Verfügung stehen wird, wie das heute bei Musikstücken der Fall ist: innerhalb von Sekunden, mit einem einzigen Mausclick und kostenlos.

Der entscheidende Unterschied zur Musikindustrie ist jedoch, dass die Filmbranche nicht aus reinen Mittelsmännern besteht, auf die man, wenn ihre Vertriebsinfrastruktur technisch obsolet wird, verzichten könnte. Die Filmindustrie stellt das von ihr vertriebene Produkt selbst her, und das in einem um ein Vielfaches aufwendigeren Prozess, als es bei Musikstücken der Fall ist.

Auf die Musikindustrie könnte die Öffentlichkeit mit anderen Worten verzichten und hätte trotzdem Musik. Auf die Filmindustrie kann sie hingegen nicht verzichten, ohne zugleich das Produkt zu verlieren. Wenn aber auch die von George Lucas geschätzten 15 Millionen Dollar pro Film nicht mehr direkt durch das Zielpublikum zusammenkommen, dann könnte eine Zeit bevorstehen, in der auch Hollywood auf die staatliche Filmförderung angewiesen ist.