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Das Internet nur als ein Medium zu betrachten, das Information von wenigen an viele übermitteln kann, also als eine neue Spielart der klassischen Massenmedien, griffe zu kurz. Das wahre Potential dieses Netzwerks besteht darin, dass es jeden mit jedem verbindet und dabei jeden zu einem gleichberechtigten Partner macht. Es führt darum wie von selbst zur Kommunikation und Kooperation zwischen seinen Benutzern.
Während das 20. Jahrhundert für die private Kommunikation über weite Distanzen nur den Brief und das Telefon kannte, brachte das Internet in den wenigen Jahren seines Bestehens eine ganze Palette weiterer, bislang unbekannter Kommunikationsmechanismen hervor. Zu ihnen gehört die E-Mail, die viele Elemente des klassischen Briefs besitzt, aber spontaner ist, weil sie jeden Punkt auf dem Globus innerhalb weniger Sekunden erreichen kann. Noch unmittelbarer ist der Chat, also das Übermitteln einzelner Textzeilen oder sogar einzelner Tastendrücke an ein oder mehrere Gegenüber. Für die Kommunikation innerhalb einer Gruppe etablierten sich zunächst Mail-Verteiler und Mailing-Listen, also die elektronische Form des Rundschreibens an mehrere Empfänger. Sie unterscheiden sich darin, ob die Teilnehmer die Liste der Adressaten in ihren Briefen ausdrücklich angeben oder ob ein zentraler Server irgendwo im Netz verwendet wird, bei dem sich die Teilnehmer an- und abmelden können und wo auch die an die Liste geschickten Nachrichten zusätzlich archiviert werden. Einen Schritt weiter ging das bereits in den achtziger Jahren entstandene USENET, ein System thematisch geordneter Diskussionsgruppen, Newsgroups genannt, die dezentral realisiert waren: Die von den Benutzern geschriebenen Beiträge, auch Artikel oder Postings genannt, wurden automatisch zwischen allen am USENET beteiligten Rechnern repliziert und konnten so mit vergleichsweise geringem Aufwand überall abgerufen werden. Das USENET, obwohl es nach wie vor existiert, wurde inzwischen weitgehend von den web-basierten Diskussionsforen abgelöst, bei denen die Benutzer ihren gewöhnlichen Web-Browser verwenden, um ihre Beiträge auf einem zentralen Server abzulegen. Eine Verallgemeinerung dieses Prinzips sind die Weblogs bzw. das Blogging, wo jeder Teilnehmer sozusagen über sein eigenes, web-basiertes Diskussionsforum verfügt, das er als öffentliches Tagebuch oder Notizbuch verwenden kann. Über ein Kommentar- und Referenzierungssystem sind die Blogs wiederum zu einer übergreifenden Struktur verbunden. Eine andere, sich inzwischen etablierende Form der Kommunikation sind die Wiki-Wiki-Webs, von denen noch ausführlich die Rede sein wird.
Diese Mechanismen dienen keineswegs nur der Befriedigung diffuser kommunikativer Grundbedürfnisse, also einer Art globalem Geplapper. Sie erweisen sich vielmehr als höchst effizientes Mittel, um Gleichgesinnte zusammenzubringen, Wissen anzusammeln und zu archivieren oder konkrete soziale, politische und kognitive Aufgaben zu bewältigen.
Ein eindrückliches Beispiel für die kognitiven Fähigkeiten, die aus der Vernetzung entstehen können, ließ sich im Jahr 1999 beobachten, als der damalige Schachweltmeister Garri Kasparov gegen »den Rest der Welt« antrat. Die Partie wurde von Microsoft ausgerichtet. Auf einem öffentlichen Brett machte Kasparov alle 48 Stunden einen Zug, und in der dazwischenliegenden Zeit hatte jeder Internet-Benutzer die Möglichkeit, an einer Abstimmung über den Gegenzug teilzunehmen.[54]
Nun bringt Demokratie im Schach nicht viel, und üblicherweise sind solche Veranstaltungen eine sichere Bank für den Alleinspieler. Die Mehrheitsentscheidung der Gegenspieler führt bestenfalls zu durchschnittlichen Zügen, zumal wenn, wie in diesem Fall, Spieler jeder Spielstärke teilnehmen können. Microsoft bemühte sich daher, diesen Effekt etwas abzumildern, indem man vier junge Schachmeister einlud, die auf der Webseite die Züge Kasparovs analysieren und dem abstimmenden »Rest der Welt« Empfehlungen geben sollten. Auch damit freilich versprach das Spiel kaum mehr als ein PR-Gag zu werden.
Es kam anders. Die damals 15-jährige Irina Krush, die unter den vier eingeladenen Juniormeistern war, erkannte und nutzte als einzige der vier die Möglichkeiten des Internet. Es gelang ihr, die Keimzelle eines sich in Windeseile organisierenden Netzwerks aus Großmeistern, Schachvereinen und dutzenden von talentierten Einzelspielern zu bilden und ihre Empfehlungen aus der »Rechenleistung« dieses Netzwerks zu gewinnen. Die Mehrzahl der abstimmenden Teilnehmer — es waren im Schnitt sechs- bis siebentausend pro Zug — begriff schnell, dass Irina Krush das eigentliche Sprachrohr des Weltteams war, und stimmte fast durchgehend für die von ihr empfohlenen Züge. Die Partie erreichte daraufhin ein völlig unerwartetes Niveau. Nach etwa fünfzig Zügen schien das Weltteam ein Remis gegen Kasparov erreicht zu haben, was einer Sensation gleichkam. Kasparov erklärte später, dass er sich noch nie derart intensiv mit einer einzelnen Partie beschäftigt hatte, und viele Kommentatoren waren sich einig, dass die Partie einen Platz in der Schachgeschichte verdient hatte. Das Spiel war auch keineswegs in eine Schlacht der Elektronengehirne ausgeartet, obwohl das von vielen vorausgesagt worden war. Zwar wurden tatsächlich ständig Computerprogramme eingesetzt, um Varianten zu analysieren und auf Schwachstellen zu untersuchen, aber alle wesentlichen Entscheidungen des Spiels beruhten letztlich auf der Kreativität und dem Sachverstand der Beteiligten.
Dass Kasparov die Partie schließlich dann doch gewann, lag vermutlich an technischen Unregelmäßigkeiten und Vandalismus. Ab etwa dem fünfzigsten Zug gelang es einzelnen Teilnehmern, mehrfach für bestimmte Züge zu stimmen. (Microsoft hatte dagegen nie besondere Vorkehrungen getroffen, das Problem war lediglich vorher nicht aufgetreten.) In der Folge wurden Irina Krushs Empfehlungen plötzlich bei einigen kritischen Zügen nicht mehr befolgt, so dass sich die Stellung des Weltteams verschlechterte. Im 58. Zug schließlich verzögerte sich eine entscheidende E-Mail von Irina Krush an Microsoft um zehn Stunden, so dass ihre Zugempfehlung nicht veröffentlicht wurde. Die Mehrheit stimmte daraufhin für einen Zug, den das Weltteam-Netzwerk bereits als Verlust erkannt hatte. Die anderen Kommentatoren hatten ihn jedoch empfohlen.[55]
Ein anderes Kooperationsprojekt, das allerdings eine unerfreuliche und darum lehrreiche Wendung nahm, war das Projekt einer Datenbank für CD-Titel, CDDB.
Zum Hintergrund: Audio-CDs enthalten normalerweise keine Informationen darüber, wie die auf einer Disc gespeicherten Titel heißen oder wer der Interpret ist. Diese Information ist beim Abspielen in einem einfachen CD-Player entbehrlich, da man meistens ohnehin das CD-Cover zur Hand hat und die Titelinformation nachschauen kann. Diese Meta-Daten werden aber sehr wichtig, wenn man die Musikstücke in Form einzelner Dateien zwischen unterschiedlichen Medien hin und her kopiert, wenn man sie auf einem Computer oder MP3-Player anhören oder über ein Filesharing-Netz austauschen möchte.
Um dieses Problem zu lösen, kamen zwei Programmierer auf eine ebenso einfache wie erstaunliche Idee. Die Anzahl und die Länge der einzelnen Tracks sind durchaus auf einer CD gespeichert, und dieses Inhaltsverzeichnis ergibt einen mit hoher Wahrscheinlichkeit eindeutigen »Fingerabdruck« der CD — man kann also jede jemals erschienene CD sehr leicht und verlässlich identifizieren. Würde man die zu einem Fingerabdruck gehörende Titelliste nun in einer über das Internet erreichbaren Datenbank zur Verfügung stellen, dann könnte die Abspielsoftware in einem Computer sie bei Bedarf einfach abrufen. Wer aber hätte die Ressourcen, um eine Datenbank mit Millionen von CD-Titeln zu erstellen?
Die Lösung lag in dezentraler Kooperation. In das Programm, das die Titelinformation aus der CDDB-Datenbank abrufen konnte, baute man als zusätzliche Funktion ein, dass bei einer unbekannten CD eine Eingabemaske erschien, die den Benutzer aufforderte, die Titelinformation selber einzugeben. Die Daten wurden dann an die zentrale Datenbank übermittelt und standen von diesem Moment an allen Benutzern zur Verfügung. Die Idee war so simpel, wie das Mitmachen offenbar Spaß machte, denn die Datenbank füllte sich in Windeseile. Schon nach kurzer Zeit waren fast alle jemals erschienenen CDs katalogisiert, neue Titel tauchten fast augenblicklich nach ihrem Erscheinen in der Datenbank auf.
Dann begann der unerfreuliche Teil. Die Entwickler des CDDB-Systems gründeten eine Firma unter dem Namen Gracenote und schickten sich an, die von einem Heer von Freiwilligen erstellte Datenbank kommerziell zu vermarkten.[56] Entwickler von Abspielsoftware, die CDDB benutzen wollten, mussten von nun an Lizenzgebühren an Gracenote zahlen. Die Lizenz verlangte außerdem von ihnen, dass ihre Programme ein CDDB-Logo anzeigen mussten und dass es mit den Programmen nicht möglich sein durfte, eine andere Datenbank als CDDB für die Titelinformation zu benutzen.
Viele der Benutzer, die mitgeholfen hatten, die Datenbank zusammenzutragen, waren darüber empört. Die ursprüngliche CDDB-Software war unter der GPL lizenziert gewesen, darum war man davon ausgegangen, bei einem freien Projekt mitzuarbeiten. Zwar gab es keine Klausel in der GPL, die das Verhalten von Gracenote verboten hätte, aber dennoch war man sich einig, dass hier nicht nach den richtigen Regeln gespielt wurde.
Die Affäre hatte zwei Folgen. Erstens taten sich schnell einige andere Programmierer zusammen und begannen unter dem Namen FreeDB ein neues Projekt, das die ganze Arbeit noch einmal von vorn aufnahm.[57] Die zusammengetragenen Daten wurden diesmal jedoch unter die GNU Free Documentation License (GFDL) gestellt. Jeder Benutzer, der sich beteiligte, konnte also sicher sein, dass sein Beitrag nicht eines Tages in einer proprietären Datenbank enden würde. FreeDB zog, was die Vollständigkeit der Information betraf, in kürzester Zeit mit CDDB gleich. In der Praxis ist es heute so, dass proprietäre Abspielprogramme wie Apples iTunes oder der Windows Media Player die proprietäre CDDB-Datenbank benutzen oder benutzt haben, einschließlich der Zahlung entsprechender Lizenzgebühren, während Freie Programme FreeDB verwenden (auch dann, wenn diese Funktion manchmal in der Software als »CDDB« bezeichnet wird).
Die andere Folge der Affäre war, dass man in der Szene hochsensibel für das zugrundeliegende Problem geworden war und dass viele Projekte, zum Beispiel auch die im folgenden Abschnitt beschriebene Enzyklopädie Wikipedia, seither sehr genau darauf achten, den rechtlichten Status der kollektiv zusammengetragenen Information über eine freie Lizenz (in der Regel die GFDL) abzusichern.
Neuere Abspielprogramme benutzen statt CDDB oder FreeDB inzwischen oft den Dienst des freien Projekts MusicBrainz, wo digitale »Fingerabdrücke« der Musikstücke selbst verwendet werden, um sie zu identifizieren und zu katalogisieren, auch dann, wenn sie nicht mehr direkt von einer Audio-CD stammen.[58]
Die wohl spektakulärste Erfolgsgeschichte der freien Kooperation im Internet ist heute die Online-Enzyklopädie Wikipedia.[59] Begründet im Jahr 2001, umfasst sie allein in der englischen Ausgabe inzwischen über eine Million Artikel und zählt zu den dreißig meistgenutzten Adressen im World Wide Web. Dennoch ruft das Prinzip von Wikipedia oft ungläubiges Staunen hervor oder auch scharfe Kritik.
Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, spielte seit den späten neunziger Jahren mit dem Gedanken einer Online-Enzyklopädie, die ähnlich funktionieren sollte wie die Projekte der Freien Software Szene. Auch Richard Stallman hatte im Jahr 1999 einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht, die Idee lag also in der Luft.[60]
Im März 2000 begann Wales, unterstützt durch den Programmierer Larry Sanger, das Projekt Nupedia.[61] Es sollte ein Lexikon hervorbringen, das jedem frei zur Verfügung stehen würde und an dem prinzipiell jeder mitarbeiten konnte. Für das Schreiben der Artikel sollten jedoch vor allem Experten der jeweiligen Gebiete gewonnen werden, und »Experte«, das hieß: wenn möglich mit einem entsprechenden Doktortitel. Um die Qualität der Beiträge zu sichern, wurde ein formaler Redaktionsprozess definiert, den jeder Artikel durchlaufen sollte. Der Prozess ähnelte der Arbeitsweise etablierter Lexikaverlage und umfasste sieben einzelne Schritte, die über mehrere inhaltliche Reviews bis zur orthographischen Durchsicht und Formatierung reichten. Auch an dieser Redaktionsarbeit sollte prinzipiell jeder teilnehmen können, genau wie bei den Programmierern eines Freien Software Projekts. Etablierte Lexika, allen voran die Encyclopædia Britannica, empfand man dabei als den großen Goliath: Wenn man die vernetzten Ressourcen des Internet nur geschickt ausnutzte, würde man diesem Goliath vielleicht sogar ebenbürtig sein können.
Die Realität war freilich ernüchternd. Obwohl sich einige begeisterte Mitstreiter einfanden, wurden im Laufe des ersten Jahres kaum mehr als ein Dutzend Artikel fertig gestellt. Zwar waren diese wirklich von außerordentlicher Qualität, aber eine Enzyklopädie war so in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Wales und Sanger suchten darum nach einer effektiveren Methode. Sie gerieten dabei an Ward Cunninghams Idee eines Wiki-Wiki-Webs (der Ausdruck »Wiki-Wiki« stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet »Schnell-schnell«): Man versteht darunter einen Website, bei dem sich auf jeder Seite, für jeden Benutzer ein Knopf befindet mit der Aufschrift: »Diese Seite jetzt ändern.«
Trotz großer Bedenken und Widerstände im Nupedia-Projekt beschlossen Wales und Sanger, die Idee auf die Online-Enzyklopädie anzuwenden. Am 15. Januar 2001 ging Wikipedia online — und der Rest ist Internet-Geschichte. Innerhalb des ersten Jahres entstanden allein in der englischen Version 18.000 Artikel, nach dem zweiten waren es 100.000, im Frühjahr 2005 wurden 500.000 Artikel erreicht und am 1. März 2006 die Millionenmarke überschritten. (Zum Vergleich: Die Encyclopædia Britannica enthält, je nach Ausgabe, etwa 120.000 Artikel.)
Es ergibt sich eine Fülle von Fragen: Wie hoch ist die Qualität der Wikipedia-Artikel und wer garantiert dafür? Wenn jeder jede Seite sofort ändern kann, gibt es dann keinen Vandalismus oder, schlimmer noch: gezielte und subtile Desinformation? Und nicht zuletzt: Wer bezahlt für das alles?
Die Qualität der Wikipedia-Artikel variiert selbstverständlich, ist aber im Allgemeinen erstaunlich hoch. Die meisten Artikel beginnen als kurze Absätze oder Stoffsammlungen und werden im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert; die besten brauchen keinen Vergleich mit einer klassischen Enzyklopädie zu scheuen. Die faktische Korrektheit ist ebenfalls hoch. Im Dezember 2005 verglich die britische Fachzeitschrift nature, eines der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Journale, zweiundvierzig zufällig ausgewählte, naturwissenschaftliche Artikel sowohl in Wikipedia als auch der Encyclopædia Britannica. Die Qualität erwies sich als sehr vergleichbar: Britannica enthielt im Schnitt drei faktische Fehler pro Artikel, Wikipedia vier.[62]
Wie ist das möglich? Zunächst einmal zeigt die Studie, dass keines der beiden Werke den Nimbus einer unfehlbaren Referenz beanspruchen kann — auch die Encyclopædia Britannica nicht. Die Studie erinnert vielmehr daran, dass ein Lexikon-Artikel für sich allein niemals ausreicht, eine Aussage wissenschaftlich-fundiert abzusichern (was freilich unter Wissenschaftlern auch nie umstritten war). Die Arbeit fest angestellter und bezahlter Lexikon-Redakteure auf der einen Seite und der kollektive Gradient dessen, was entsteht, wenn zahllose weitgehend anonyme Freiwillige jeweils ein paar Sätze über ein Thema schreiben, mit dem sie sich gut auskennen, führt aber offenbar zu sehr vergleichbaren Ergebnissen.
Bei der Encyclopædia Britannica sah man das allerdings anders. Kurz nach Erscheinen der nature-Studie schaltete die Britannica-Redaktion eine halbseitige Anzeige in der Londoner Times und veröffentlichte eine Gegendarstellung, in der sie die Ergebnisse in Frage stellte.[63] Es sei schlicht lächerlich, anzunehmen, ein Heer von Freiwilligen könne auch nur in die Nähe der Qualität der ältesten Enzyklopädie des englischen Sprachraums kommen. Die Studie müsse methodische Fehler aufweisen. Die Redaktion von nature, selber einer wissenschaftlichen Arbeitsweise und höchsten Standards verpflichtet, wies diese Anschuldigungen zurück.[64]
Tatsächlich aber greift der bloße Vergleich der Artikelqualität eigentlich zu kurz. Wikipedia enthält bereits jetzt zehnmal mehr Artikel als die Encyclopædia Britannica, was für die enorme Breite des abgedeckten Wissens spricht. Nicht nur jedes Land der Erde oder jedes bekannte Antibiotikum ist verzeichnet, sondern ebenso hat jede Musikband, jede Comic- oder Fernsehserie ihren eigenen Eintrag, meist akribisch zusammengetragen von Fans mit einschlägigem Expertenwissen. Jedes Spiel der Fussballweltmeisterschaft ist dokumentiert, einschließlich prozentualem Ballbesitz und den Namen der Torschützen. Bei politischen Krisen oder Naturkatastrophen werden in Windeseile entsprechende Seiten angelegt, die fast zeitgleich mit der Entwicklung der Ereignisse aktualisiert werden. Eine klassische Enzyklopädie kann angesichts dieser Breite und Aktualität nicht mithalten. Bezeichnend ist hierzu ein Vergleich, den kürzlich ein Forumsteilnehmer vorgeschlagen hat: Man möge sich doch einmal anschauen, was in Wikipedia über die Encyclopædia Britannica steht, und was in der Encyclopædia Britannica über Wikipedia. In einem der beiden Fälle lautet die Antwort: gar nichts.
Dass die grosse Breite und die Aktualität dennoch nicht zu Lasten der Qualität gehen, erklärt sich unter anderem dadurch, dass die Artikel keineswegs einfach drauflos geschrieben werden. Mit der Zeit hat sich — wiederum durch Selbstorganisation und wiederum in Form eigener Wikipedia-Seiten — ein umfangreiches System von Empfehlungen und Richtlinien herausgebildet, die beim Schreiben der Artikel als Messlatte und Korrektiv dienen. Zu den wichtigsten dieser Richtlinien gehört das Prinzip des Neutral Point of View (NPOV), also der wertungsfreien Darstellung. Gerade bei kontroversen Themen gelingt eine solche wertungsfreie Perspektive oft erst nach langem und zähem Ringen, und die entsprechenden Artikel bekommen während dieser Phase — wiederum durch eine gewöhnliche Änderung, die von jedem Benutzer gemacht werden kann — eine spezielle Markierung, die besagt: »Die Neutralität dieses Artikels wird in Frage gestellt«. Besucher werden dann auf die dem Artikel zugeordnete Diskussionsseite verwiesen, wo die verschiedenen Ansichten meist kontrovers diskutiert werden. In der Praxis zeigt sich, dass solche Artikel und ihre Diskussionsseiten oft einen hervorragenden Einblick in das Problemfeld eines bestimmten Themas geben, auch und gerade dann, wenn die Neutralität des Artikels noch nicht erreicht ist.
Mitunter werden aus den Kontroversen aber auch echte Streitigkeiten. Es kann dann vorkommen, dass zwei oder mehr Benutzer wechselseitig die Änderungen des jeweils anderen umschreiben oder rückgängig machen. Diese sehr unerfreuliche und darum allseits gefürchtete Eskalation wird als »edit war«, also »Änderungskrieg« bezeichnet. Kommt es zu keiner Einigung, dann tritt — wiederum selbstorganisiert — eine Reihe von Mechanismen in Kraft, die den Konflikt beilegen soll. Zunächst versucht ein unbeteiligter Dritter, die Kontroverse auf die Diskussionsseite des Artikels zurückzuführen und zwischen den Parteien zu vermitteln. Sollte das zu keinem Erfolg führen, dann kann eine Art Schiedsstelle, das Arbitration Committee, angerufen werden, dessen Mitglieder regelmäßig durch öffentliche Abstimmung gewählt werden. Dieses Komitee kann verbindlich entscheiden, wie mit der Kontroverse verfahren werden soll. Als äußerstes Mittel können Benutzer von Wikipedia ausgeschlossen werden — zur Not auch über ihre IP-Adresse, falls ein Benutzer unter anderem Namen den Streit weiterzutreiben versucht. (In der Praxis kommt das extrem selten vor, es gibt unter vielen tausend Benutzern nur eine Hand voll notorischer Fälle.)
Reiner, ungerichteter Vandalismus ist demgegenüber ein eher gängiges Problem. Bei einem durchschnittlichen Artikel kommt es zur Zeit etwa einmal pro Woche vor, dass Obszönitäten oder sonstiger Unfug eingefügt oder Teile des Artikels unmotiviert gelöscht werden. Wikipedia kann diesem Problem allerdings im Rahmen der eigenen Voraussetzungen sehr gut begegnen: Meistens sind solche destruktiven Änderungen schon nach wenigen Minuten wieder behoben.
Möglich ist das, weil jede Änderung, die ein Benutzer vornimmt, intern als Differenz zum vorherigen Stand des Artikels gespeichert wird. Es ist also sehr leicht möglich, auf die ursprüngliche Version des Artikels zurückzugehen, sollte sich eine Änderung als Vandalismus herausstellen. Das wiederum ist in der Praxis meist leicht zu erkennen, da Vandalismus sich in der Regel nicht durch hohe Kreativität auszeichnet. Auf einer besonderen Seite wird ein ständig mitlaufendes Protokoll aller Änderungen angezeigt, die sogenannte Liste der Recent Changes (RC). Geübte Wikipedianer erkennen Vandalismus darin meistens auf einen Blick und stellen die ursprüngliche Version des Artikels sofort wieder her. Tatsächlich hat sich von selbst eine Gruppe von Benutzern herausgebildet, die sogenannte »RC Patrouille«, die sich solche Aufräumarbeiten zur besonderen Aufgabe gemacht hat. Jimmy Wales schätzt, dass ein harter Kern von etwa 600-1000 Benutzern auf diese und andere Weise dafür sorgt, dass die einmal erreichte Qualität der Beiträge erhalten bleibt.
Zwar hat sich durch die rapide steigende Popularität von Wikipedia auch das Vandalismus-Problem verschärft, gleichzeitig aber entstehen in der selbstorganisierten Gemeinschaft immer neue Techniken, dagegen vorzugehen. So gehen Änderungen inzwischen schneller als im Sekundentakt ein, und es ist nicht mehr möglich, die RC-Liste manuell zu verfolgen. Zur Abhilfe wurden spezielle Bots geschrieben, also Programme, die automatisch nach bestimmten Auffälligkeiten in der Liste suchen und diese in einem eigens dafür eingerichteten Chatroom anzeigen. Dort wiederum halten sich zu jeder Tages- und Nachtzeit einige Wiki-Sheriffs auf, um bei einem Alarm sofort aktiv zu werden.
Bei einigen besonders prominenten oder kontroversen Artikeln war wiederum auch das nicht genug: Hier nahm der Vandalismus so sehr überhand, dass an normales Arbeiten nicht mehr zu denken war. (Im Wesentlichen waren das die Artikel über George W. Bush, Jesus Christus und Adolf Hitler.) Bei diesen wenigen Artikeln ging man darum noch einen Schritt weiter und ließ nur noch Änderungen durch solche Benutzer zu, die mindestens seit vier Tagen bei Wikipedia registriert waren. (Um sich zu registrieren genügt eine E-Mail-Adresse; bei anderen Artikeln können auch anonyme Benutzer ohne Anmeldung Änderungen vornehmen.) Ähnliches geschieht inzwischen bei Artikeln, die kurzzeitig hohe Sichtbarkeit erreichen, zum Beispiel weil sie von einem anderen prominenten Ort im Internet gelinkt werden. Kurzfristig, meist nur für einige Stunden, werden dann alle Änderungen gesperrt, um den unvermeidlichen Vandalismus-Sturm, der mit solcher Publicity einherginge, abzufangen (besonders die zu einem Artikel gehörenden Bilder waren sonst ein beliebtes Ziel und wurden fast augenblicklich durch Pornographie ersetzt). Auf diese Weise ließ sich das Vandalismus-Problem eindämmen, ohne gleichzeitig das Konstruktionsprinzip von Wikipedia, nämlich die absolute Offenheit und das Fehlen jeder »Schwelle zum Mitmachen« aufzugeben.
Von weit geringerem Ausmaß, aber auch schwieriger zu behandeln ist das Problem gezielter Sabotage und subtiler Desinformation. Aufsehen erregte im Herbst 2005 eine Kontroverse um John Seigenthaler Sr., einen bekannten US-Journalisten und ehemaligen Berater von Robert F. Kennedy. Seigenthaler entdeckte im September 2005, dass der Wikipedia-Eintrag über ihn die hanebüchene Mutmaßung enthielt, er sei in die Ermordung sowohl John F. Kennedys als auch Robert Kennedys verwickelt gewesen. Er beschwerte sich umgehend bei Wikipedia und die üble Nachrede wurde sofort entfernt. In einem ungewöhnlichen Schritt ging Jimmy Wales sogar so weit, die Änderungshistorie des Artikels zu sperren, so dass die falsche Information öffentlich nicht mehr zugänglich war (nicht in Wikipedia jedenfalls — andere, unabhängige Websites hatten die Aussage bereits aus Wikipedia übernommen und behielten sie noch einige Zeit bei).
Seigenthalers Empörung war damit aber keineswegs besänftigt, und so schrieb er in zwei großen amerikanischen Zeitungen Leitartikel, in denen er vor Wikipedia warnte und die Enzyklopädie als ein »fehlerhaftes und unverantwortliches Forschungsinstrument« bezeichnete.[65] Dies wiederum führte zu einer Welle von negativer Berichterstattung über Wikipedia in anderen Medien. Ein Redakteur der New York Times bat seine Mitarbeiter, Wikipedia nicht mehr zur Überprüfung von Fakten heranzuziehen, die in der Zeitung erscheinen sollen.[66]
Befürworter Wikipedias halten die ganze Affäre, sowie auch die Kritik, die sich in ihrem Gefolge ergab, für ein fundamentales Missverständnis der Natur der Sache. Sie weisen darauf hin, dass Wikipedia, wie auch jede andere Enzyklopädie, nur die erste und nicht etwa die letzte Quelle der Information in einer strittigen Frage sein kann — dass eine Enzyklopädie mit anderen Worten ein Mittel zur Exploration von Wissen, nicht aber zu dessen hieb- und stichfester Absicherung ist. (Gleichzeitig legen die Stil-Richtlinien von Wikipedia nahe, die Artikel durch wissenschaftlich korrekt zitierte Referenzen auch in dieser Hinsicht zu verbessern.) Eklatante Rechtsbrüche wie zum Beispiel üble Nachrede könnten darüber hinaus durchaus verfolgt und geahndet werden, wie auch der Fall Seigenthaler zeigte: Schon kurze Zeit nach dem Bekanntwerden der Affäre gelang es einem unabhängigen Wikipedia-Kritiker, den Täter durch Rückverfolgung der IP-Adresse ausfindig zu machen. (Eine offizielle Nachforschung durch Seigenthalers Anwälte beim fraglichen Internet-Provider war im Sande verlaufen.) Der Täter, der die Sache eher als Scherz verstanden hatte und sich von den Ausmaßen der Affäre selber erschreckt zeigte, entschuldigte sich sehr kleinlaut bei Seigenthaler, der daraufhin von einem Prozess absah.[67]
Mit ein bisschen mehr Augenmaß hätte Seigenthaler das vielleicht auch einfacher haben können. »Wenn's ihm nicht gefiel, warum hat er's dann nicht einfach geändert?« war ein oft zu hörender Kommentar in den einschlägigen Diskussionsforen, sowie auch die Anmerkung, dass man jeden Text, also auch Wikipedia, am besten unter Zuhilfenahme des eigenen kritischen Verstandes lesen sollte. Seigenthaler selbst zeigte sich am Ende der Affäre ebenfalls nachdenklich: Es sei ein sehr merkwürdiges Gefühl für ihn, der immer für das Recht auf freie Meinungsäußerung eingetreten sei, nun jemand wegen eben dieses Rechts zu belangen.
»Ich glaube immer noch an die freie Meinungsäußerung. Aber was ich verlange, ist, dass man herausfinden kann, wer für eine Äußerung verantwortlich ist.«
Jimmy Wales räumte mögliche Schwächen in diesem Bereich ein und stellte in Aussicht, dass in Zukunft mehr Informationen darüber bereitgestellt würden, wer welche Änderung gemacht habe.
Durch die steigende Popularität von Wikipedia wird auch ein anderes Problem allmählich virulent, nämlich das der Finanzierung. Bisher wurde das Projekt ausschließlich durch Spenden getragen, was angesichts bescheidener Bedürfnisse auch gut funktionierte: Wikipedia verfügt über genau zwei bezahlte Mitarbeiter (Jimmy Wales gehört nicht zu ihnen), und darüber hinaus muss nur die technische Infrastruktur bezahlt werden, also die Serverfarm, die sich in St. Petersburg, Florida befindet. Diese allerdings wird, seit Wikipedia zu den dreißig meistbesuchten Sites im World Wide Web zählt, immer anspruchsvoller, wohingegen das Spendenaufkommen nicht in gleichem Maße zugenommen hat.
Vielleicht zeigt sich hier ein Effekt, der in der Ökonomie und Philosophie unter dem Namen »Tragedy of the Commons« bekannt ist. Man versteht darunter die Beobachtung, dass viele Systeme, bei denen eine Ressource von der Allgemeinheit auf freiwilliger Basis benutzt und unterhalten wird, früher oder später zusammenbrechen, weil es immer zu viele »Trittbrettfahrer« gibt, also Leute, die zwar gerne die Ressource in Anspruch nehmen, aber selber nichts zu ihrem Unterhalt beitragen. Es könnte also sein, dass Wikipedia in dem Moment, in dem es von einem Projekt von Enthusiasten zu einem allgemeinen Massenphänomen wird, sich nicht mehr selber zu tragen imstande ist. Man wird dann möglicherweise auf Werbefinanzierung oder Partnerschaft mit großen Unternehmen zurückgreifen müssen, obwohl Jimmy Wales das bislang kategorisch ausschließt. Der Effekt ist freilich nicht zwangsläufig, sondern nur eine statistische Generalisierung, die auf eine gegebene Situation zutreffen kann oder auch nicht. Dass die Gesetzmäßigkeit nicht unbeschränkt gilt, zeigen andere Projekte der digitalen Welt wie zum Beispiel GNU/Linux, die keinerlei Anzeichen verraten, unter der »Tragedy of the Commons« zusammenzubrechen.
Wikipedia wächst derweil unaufhaltsam weiter. Inzwischen existieren Teilprojekte in über 200 verschiedenen Sprachen, von denen die kleinsten Wikipedias nur einige dutzend bis hundert Artikel enthalten. Aber auch sie wachsen.
»Stellt euch eine Welt vor, in der jede einzelne Person freien Zugang zu der Summe allen menschlichen Wissens hat. Das ist es, was wir machen.«[68]
So benennt Jimmy Wales die Maxime des Projekts. »Jede einzelne Person«, das bedeute auch, dass jeder dieses Wissen in seiner eigenen Sprache vorfinden könne.
»Obwohl noch viel zu tun ist, kann man denen, die Englisch, Deutsch, Französisch oder Japanisch sprechen und über einen Breitband-Internet-Zugang verfügen, bereits sagen: Ihr habt eure Enzyklopädie.«[69]
Jede dieser Sprachen sei über die kritische Grenze von 100.000 Artikeln hinaus, andere würden in den nächsten Jahren folgen. Das Ziel sei erreicht, wenn es Wikipedias mit mindestens 250.000 Artikeln für jede Sprache mit mindestens einer Million Sprechern gäbe und gleichzeitig ernsthafte Projekte auch für sehr kleine Sprachen vorlägen. Jimmy Wales geht davon aus, dass dieses Ziel in fünfzehn Jahren erreicht werden kann.
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