Die Befreiung der Information

Alle in diesem Buch beschriebenen Projekte, Subkulturen und Bewegungen haben Gemeinsamkeiten. Sie sind Ausdruck einer übergreifenden technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung, in der sich drei Faktoren ausmachen lassen.

Faktor: Kopie

Der erste Faktor besteht darin, dass es extrem einfach geworden ist, Information zu kopieren und zu vertreiben. Daten gleich welcher Art zu kopieren ist eine der Grundoperationen eines Computers, die im normalen Betrieb ständig erfolgt: Um ein Programm auszuführen, muss es von der Festplatte in den Arbeitsspeicher kopiert werden, um ein Musikstück anzuhören, müssen die Bits von der CD ebenfalls in den Arbeitsspeicher und von dort in die Soundkarte kopiert werden. Zu dieser Einfachheit des Kopierens tritt nun die Tatsache, dass es für Daten gleich welcher Art inzwischen ein planetares Informationsnetz gibt, dessen Kosten gesamtgesellschaftlich amortisiert und nicht auf die einzelnen Datentransfers umgelegt werden. In der Folge ist eine Situation entstanden, die es so historisch noch nie gegeben hat: Eine Situation, in der prinzipiell jede Information prinzipiell jedem Erdenbürger augenblicklich zur Verfügung stehen kann, ohne dass direkte Kosten entstehen.

So neu und ohne Beispiel diese Situation auch sein mag, gehen die Menschen doch äußerst gelassen und selbstverständlich mit ihr um. Da praktisch keine Kosten damit verbunden sind, gehört es heute zum guten Ton, einander an den Bits, über die man verfügt, teilhaben zu lassen. Wer die Bitte »Machst du mir mal 'ne Kopie davon?« mit dem Hinweis auf die Rechtslage ablehnen würde, dürfte für ziemlich wunderlich gehalten werden, wenn er nicht sogar riskiert, einen Freund zu verlieren. Den Zugriff auf eine Ressource zu verweigern, mit der keine erkennbaren Kosten verbunden sind, scheint sehr grundlegenden menschlichen Instinkten zu widersprechen.

Die Industrie hat das durchaus erkannt und versucht darum auch nach Kräften, die Menschen umzuerziehen. In Kinospots werden unbescholtene Familienväter in Handschellen abgeführt, um die Ansicht »Raubkopierer sind Verbrecher« durchzusetzen. »Gedankendiebe« war das Thema eines bizarren Filmwettbewerbs, zu dem die Firma Microsoft Teenager in Großbritannien einlud.[70] Ob es den Konzernen gelingen wird, sich auf diese Weise neue Menschen, d.h. gefügige Kunden zu schaffen, ist fraglich.

Dabei sind mit den Bits natürlich durchaus Kosten verbunden, nämlich die ihrer Erschaffung durch die Künstler, Programmierer, Journalisten, Wissenschaftler etc. Da die Herstellung und das Aneignen einer Kopie jedoch derart einfach geworden sind, werden diese Vorgänge bald nicht mehr die Basis für die Entlohnung der Bitschaffenden sein können — es sei denn, man würde die Kopiervorgänge und Datenwege derart stark reglementieren und die Reglementierung derart drakonisch überwachen, dass es die technische Entwicklung ad absurdum führen würde.

Richard Stallman verglich diese Situation mit einer Raumstation, auf der für die Bewohner Sauerstoff produziert werden muss. Eine Möglichkeit, die Sauerstoffproduktion gerecht zu finanzieren, bestünde darin, den Bewohnern Gasmasken mit Volumenzählern aufzusetzen und jeden nach der Menge Sauerstoff, die er einatmet, bezahlen zu lassen. Das wäre freilich eine bizarre Gesellschaft, und sie würde zudem auch nur funktionieren können, wenn es eine Geheimpolizei gäbe, die überwacht, dass niemand etwa die Gasmaske abnimmt und »einfach so« atmet. Sinnvoller und fast genauso gerecht wäre zum Beispiel eine Sauerstoffsteuer, mit der die Kosten auf die Bewohner umgelegt werden und die ihnen so die Gasmasken erspart.

Faktor: Kommunikation und Kooperation

Der zweite gemeinsame Faktor aller hier beschriebenen Entwicklungen ist, dass sie auf hochgradig dezentraler, selbstorganisierter Kommunikation zwischen Individuen beruhen. Es ist diese stetige und durch die Natur des Internet praktisch kostenlose Kommunikation in Mailinglisten, Chaträumen und Diskussionsforen, die erst die Kooperation ermöglicht, ohne die Projekte wie GNU/Linux oder Wikipedia nicht denkbar wären.

Das Internet hat nicht nur die Kommunikationsinfrastruktur des Planeten auf eine neue Grundlage gestellt, es verändert auch die Wege der Kommunikation. Am Ende des 20. Jahrhunderts bestanden diese Wege vor allem aus 1:1-Beziehungen (individuelle Kommunikation per Brief oder Telefon), oder aus 1:n-Beziehungen (den klassischen Massenmedien, bei denen wenige, staatlich zugelassene »Sender«, d.h. Fernsehstationen, Zeitungen oder Radiosender die »Vielen«, d.h. die allgemeine Bevölkerung mit Informationen versorgen). Das Internet bringt demgegenüber zunehmend n:n-Beziehungen hervor, bei denen prinzipiell jeder zum Informationslieferanten für viele werden kann. Beispiele dafür sind Nachrichtendienste wie Slashdot, Kuro5hin oder Digg, bei denen die Leser selbst die Beiträge einreichen. Sie werden dann von einer Redaktion gesichtet und ausgewählt, oder aber die Leser entscheiden selbst per Abstimmung über die Publikation. Das Projekt WikiNews, ein Wikipedia-Schwestersite, versucht, das Wiki-Wiki-Prinzip auf klassische Nachrichten anzuwenden. Rapide an Bedeutung gewinnt auch die Szene der Weblogs bzw. der Blogger, d.h. der offenen Tagebücher im Netz, die von den Lesern kommentiert und verlinkt werden können. In der Zukunft wird man Informationen über ein Ereignis vielleicht vor allem dadurch einholen können, dass man sich anschaut, was die Augenzeugen vor Ort in ihren Weblogs zu sagen haben — ein Phänomen, für das sich der Ausdruck Bürgerjournalismus zu etablieren beginnt.

Im Umfeld der Free Software Foundation denkt man noch weiter. Schon heute ist der Preis, den der Einzelne für die Anbindung an das weltweite Kommunikationsnetz bezahlen muß, zumindest in den westlichen Gesellschaften sehr stark gesunken. Er könnte aber buchstäblich bei null liegen, wenn man die Technik der drahtlosen Vernetzung, heute bekannt unter den Namen WiFi bzw. WLAN, konsequent ausnutzen würde. Das Netz könnte dann weitgehend ohne physische Infrastruktur, d.h. ohne Kupfer- und Glasfaserkabel im Boden aufgebaut werden. Es würde sich, entsprechende Software vorausgesetzt, vollkommen selbst regulieren können. Schon heute gibt es in den meisten Metropolen der Welt Bürgerinitiativen, deren Mitglieder ihre ohnehin vorhandenen Internet-Zugänge per Funk frei für die Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Die Stadt San Francisco plant, noch im Jahr 2006 alle ihre Bürger mit kostenlosem und drahtlosem Internet zu versorgen. Die Gebühren, die man anderswo für die Erlaubnis, einen Hotspot zu benutzen, aufbringen muss, wirken vor diesem Hintergrund anachronistisch — sie werden mittelfristig keiner realen Ressource, die »knapp«, d.h. verhandelbar wäre, mehr entsprechen.

Die Schwierigkeit, die sich dieser weltweiten, kostenlosen Vernetzung entgegenstellt, ist die Regulierung des elektromagnetischen Spektrums. Es sind staatliche Stellen, die entscheiden, wer auf welcher Frequenz senden darf, und mit welcher Leistung. Die heutige WLAN-Technologie hat dabei ein sehr kleines und nicht besonders nützliches Frequenzband zugeteilt bekommen, das sich nur für die Kommunikation innerhalb nächster Nähe eignet — ein einzelnes Haus, bestenfalls ein Straßenzug. Unter der Losung »Freies Spektrum« tritt die Free Software Foundation darum für die Aufhebung solcher Regulierungen ein. Eine weltumspannende, jedermann frei zugängliche Kommunikationsinfrastruktur könnte so möglich werden.

Faktor: Ökonomie

Der dritte gemeinsame Faktor der beschriebenen Entwicklungen ist schließlich, dass Dinge, die bisher Geld gekostet haben — möglicherweise viel Geld —, der Allgemeinheit plötzlich umsonst oder für sehr viel weniger Geld zur Verfügung stehen. Wie ist das möglich? Wie kann das wirtschaftlich und gesellschaftlich funktionieren?

Es kann nicht genug betont werden, dass keine der erwähnten Bewegungen ihrem Wesen nach anti-kommerziell ist. Die Free Software Foundation tritt nicht dafür ein, dass Software kostenlos sein sollte, sondern sie weist darauf hin, dass der Mechanismus, mit dem häufig die Kosten für Software gedeckt werden, nämlich die Geheimhaltung des Quelltextes und die Einschränkung der Benutzung, der Gesellschaft mehr schadet als nützt. Die Menschen, die sich per Filesharing mit Musik und Filmen versorgen, dürften zu einem großen Teil zustimmen, dass die Künstler für ihre Arbeit bezahlt werden sollen — aber sie sehen gleichzeitig, dass das Herstellen und Vertreiben von Kopien, weil es zu einem Vorgang geworden ist, der so einfach ist wie das Atmen, kein gutes Kriterium mehr dafür abgibt, wer bezahlen muss, wann und wofür.

Das Ziel muss darum sein, andere Mechanismen zu finden, die mit den technischen Realitäten besser in Einklang stehen. Bei diesem reality check wird es Verlierer geben. Reine Vertriebsindustrien erweisen sich beispielsweise als technisch überflüssig. Der Versuch, sie um ihrer selbst willen zu erhalten, würde an die »Heizer« erinnern, die auf Druck der Eisenbahnergewerkschaften auf den ersten Diesellokomotiven mitfahren mussten, obwohl es für sie dort nichts zu tun gab. Auch eine Redaktion für ein Lexikon zu unterhalten, dürfte in Kürze kein praktikables Geschäftsmodell mehr sein, weil sich zeigt, dass die Menschen bereitwillig ihr Wissen selber zusammentragen und sich das Ganze so organisieren lässt, dass die Qualität dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Die Tatsache, dass viele Menschen es sich offenbar leisten können und auch leisten wollen, bei freien, d.h. gemeinnützigen Projekten wie GNU/Linux oder Wikipedia mitzuarbeiten, ohne dabei unmittelbar an Bezahlung zu denken, ist vielleicht der erstaunlichste Aspekt dieser Bewegungen. Es handelt sich dabei keineswegs nur um reiche Philanthropen oder um Studenten, die noch bei Mama wohnen — die meisten von ihnen sind eher in den mittleren Einkommensklassen zu finden und würden mitnichten behaupten, ihre finanzielle Situation sei in irgendeiner Weise »entspannt«. Ihr Engagement dürfte eher unbewusst motiviert sein und nur indirekt darauf hinweisen, dass sie offenbar über die nötigen Ressourcen vor allem an Lebenszeit verfügen, die solch ein Engagement möglich machen. Was dieses Engagement für sie so attraktiv macht, ist wahrscheinlich, dass sie der kapitalistischen Gesellschaft mit ihrer Erwerbsfixierung, ihrer abhängigen Beschäftigung und ihrer entfremdeten Arbeit zumindest punktuell entgehen können: Es macht großen, sehr großen Spaß, ein Problem zu sehen und es zu lösen, ohne es zu müssen.

Folgt man der Argumentation von Eric Raymond (vgl. S. 41), dann ist dies wahrscheinlich mit dem allgemeinen Zuwachs an Wohlstand zu erklären. Es ist gewissermaßen die Dividende der technischen Weiterentwicklung, die sich im 20. Jahrhundert in bislang beispielloser Weise beschleunigt hat. Kulturkritiker fragen, wo eigentlich die ganze Zeit geblieben ist, die wir durch Erfindungen wie die Waschmaschine und das Interkontinentalflugzeug eingespart haben müssten — und eine Antwort ist möglicherweise, dass diese Zeit heute in Projekte wie GNU/Linux oder Wikipedia wandert, die nicht mehr der direkten wirtschaftlichen Existenzsicherung dienen.

Die bisher erwähnten Projekte sind keine Einzelfälle, keine zufälligen Kuriositäten des Internet-Zeitalters. Man kann heute in den unterschiedlichsten Bereichen ähnliche Vorhaben entstehen sehen; sie alle aufzulisten wäre eine unabschließbare Aufgabe. Stellvertretend und völlig subjektiv ausgewählt seien erwähnt:

Die Idee, die allen diesen Projekten zugrunde liegt, nämlich, Information als ein freies Gut zu betrachten, bedeutet

erstens, dass darüber, wer eine Information herstellen, in die Welt bringen und damit Anerkennung finden kann, nur die Kompetenz entscheiden sollte, nicht aber die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Unternehmen, einem bestimmten Land oder einer bestimmten Schicht,

zweitens, dass Information, einmal in die Welt gebracht, jedem frei zur Verfügung stehen kann und soll.

Wie in jeder gesellschaftlichen, politischen Bewegung gibt es auch unter denen, die sich für die Befreiung der Informtion einsetzen, unterschiedliche Ansichten und Konflikte. Die meisten davon lassen sich auf eine einzelne, zentrale Streitfrage zurückführen. Sie besteht darin, ob es sich bei der Befreiung der Information um einen natürlichen Vorgang handelt, der sich aufgrund seiner ihm selbst innewohnenden Vorteile von selbst fortsetzen und durchsetzen wird, oder ob es ein Kampf ist, der gegen feindliche Interessen ausgefochten werden muss.

Diejenigen, die einen natürlichen Vorgang am Werk sehen, orientieren sich in der Regel pragmatisch. Sie sehen kein Problem, mit den heutigen Herren der Information zu kooperieren, und wollen überhaupt alles möglichst entspannt sehen. Ärgerlich werden sie mitunter dann, wenn man, wie sie es nennen, versucht, ihnen vorzuschreiben, was sie tun sollen — dass etwa alle und jede Information, die sie in die Welt bringen, frei sein müsse.

Diejenigen, die in der Entwicklung einen Kampf sehen, tun das unter anderem deshalb, weil sie das Zurückhalten von Information in einer Welt, in der alle Information frei verfügbar sein könnte, für moralisch falsch halten. Sie achten darauf, die Information, die sie selbst in die Welt bringen, vor der Vereinnahmung durch die etablierten Strukturen zu schützen; sie versuchen auch, solche Strukturen zu untergraben, indem sie diese dazu ermuntern oder auch zwingen, ihre bislang proprietäre Information ebenfalls frei verfügbar zu machen.

Welche von diesen beiden Ansichten richtig ist, soll hier nicht entschieden werden. Glücklicherweise spielt das in der täglichen Arbeit auch nur eine untergeordnete Rolle. Denn eine der bemerkenswerten und neuen Eigenschaften der Idee einer freien Information ist, dass sie trotz ihrer politischen Bedeutung nur sehr wenig mit einem klassischen, politischen Programm zu tun hat, für das geworben und argumentiert werden müsste, bevor es, vielleicht, irgendwann einmal Wirklichkeit werden kann. Befreite Information setzt immer damit ein, dass sie da ist, in die Welt gebracht wird, dass jemand den Anfang macht mit einem neuen Projekt, dessen Ergebnisse sofort sichtbar werden und dessen Vorteile gegenüber dem, was es bisher gab, offensichtlich sind.

Kurzfristig wird das bedeuten, dass manche, die bisher mit der Herstellung von Information, bisweilen auch mit deren künstlicher Verknappung, ihr Geld verdient haben, sich nach neuen Erwerbsmöglichkeiten umsehen müssen. Mittelfristig wird sich die Ökonomie um die veränderten Bedingungen des Informationszeitalters herum neu organisieren, so wie sie sich vorher um das Industriezeitalter mit seiner »Rationalisierung« der manuellen Arbeit herum neu organisiert hat. Die Folge war, dass heute die meisten Menschen auf der Welt — ungerechterweise nicht alle — weniger Erwerbsarbeit leisten müssen als noch vor hundert oder zweihundert Jahren, und das bei einem enorm gestiegenen Lebensstandard. Die Befreiung der Information ist die Fortsetzung dieses Prozesses im 21. Jahrhundert. Sie wird die Reibungsverluste aufheben, die heute durch proprietäre, zurückgehaltene Information entstehen, und sie wird dafür sorgen, dass die von der Menschheit als ganzer hervorgebrachte Information schneller, genauer und unterschiedsloser der gesamten Menschheit zugute kommt. Es wird in der Zukunft immer weniger Gelegenheiten für reine Erwerbsarbeit, und immer mehr für wirkliche Arbeit geben. Die Menschen werden Probleme nicht mehr darum lösen, weil sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssten, sondern weil diese Probleme wichtig sind, drängend, oder auch faszinierend.